In Ridley Scotts Blade Runner wird der Gehirndesigner J. F. Sebastian rasch abserviert. In seiner Atelier-Werkstatt versammeln sich seine Geschöpfe, dotzen gegen Türrahmen, lachen höhnisch, eine halb verhüllte Blondine starrt geradeaus, und Harrison Ford, unser menschlicher Stellvertreter im Raum der Puppen und Mensch-Maschinen, sucht die einzig echte Figur, um sie zu eliminieren. Doch welche Figur wäre echt? Der Android, dessen Menschenähnlichkeit am weitesten vorangetrieben ist. Eine kybernetisch gesteuerte Gestalt, die Menschen täuscht und tötet. Die Grenze zwischen Mensch und Maschine ist hauchdünn, sie wandert, verändert sich. Durch das Erlernen von Intelligenz, Emotion, Spontaneität und Empathie wird sie immer neu gezogen.

Wann haben wir es mit Menschen, wann mit Maschinen zu tun? Das ist die große Frage des Films und unzähliger Science-Fiction-Fantasien. Sie ist expliziter Ausgangspunkt des neuen Buchs von Clemens J. Setz und sein Thema. Würde man allerdings den Autor nach dem Kern seiner Arbeit fragen, bekäme man wohl eine andere Antwort, eine verrückte, eine skurrile Anekdote vielleicht, ein verrutschtes Narrativ, kaum mit der Frage zu verbinden. Setz mag kein Aufblättern von Intentionen, keine kausalen Sequenzen und keine abstrakten Resümees. Man kennt das aus Interviews mit ihm, die entweder leicht banal, meist aber schwer genial sind. Eben weil seine Antworten nur in einem Paralleluniversum passen würden, vor unserem alltäglichen Verstehenshorizont aber eher bizarr wirken.

Mit dieser Anordnung ist auch schon die Struktur des neuen Buchs beschrieben, das die Form, ja das ganze Genre des Interviews oder Gesprächs dekonstruiert. Ausweislich des Vorworts hatte eine Person namens Angelika Klammer, eine feste Größe im literarischen Leben Österreichs übrigens, einen Gesprächsband mit Clemens Setz geplant. Dessen mündliche Antworten zeichneten sich aber durch Trivialität und Redundanz aus. Um diese persönliche und intellektuelle Peinlichkeit zu vermeiden, hat "man" sich dann, der Titel Bot sagt es, bestimmter Suchmaschinenprogramme bedient, die Antworten aus einem großen Speicher mit unbekannten Setz-Texten wählen, nach der Vorgabe einzelner zentraler Wörter und Wortfelder. Man staunt nicht schlecht, dass die Tausenden von Seiten veröffentlichter Literatur des jungen Autors, die wir kennen, unzähligen weiteren unveröffentlichten Notaten, Epigrammen, Anekdoten, Zitaten, kommentierten Exzerpten, Ideenkernen und anderem Zettelkastenkrams aufruhen. Wer also antwortet, wenn das Suchen und Finden maschinell läuft, der jeweilige Antworttext aber bei anderer Gelegenheit vom Autor verfasst wurde, oft angedockt an Medienerfahrungen? Und wie verändert das die Art des Fragens selbst? Entsteht Sinn auf diese Weise? Fragen über Fragen. Digitale Quiz-quilien der durchaus unterhaltsamen Art.

Doch was kommt dabei heraus? Die wichtigste Antwort darauf gibt das hier beschriebene Verfahren selbst. Es maschinisiert die Kommunikation. Die automatische Zuordnung eines sprachlichen Fragecodes zum Antwortcode ist transhuman. Doch gilt dies auch für die Kommunikation mit dem Leser, der mit kultureller Zwangsläufigkeit seine hermeneutischen Fähigkeiten bei der Lektüre einsetzt? Wird der Leser Teil der Maschinenkommunikation? Und lernt dabei, dass Verstehen und jede Kommunikation immer schon ein transhumanes, Zeichen verarbeitendes Geschehen ist? Wenn es die Sprache ist, die spricht, dann wäre es tatsächlich nicht mehr so wichtig, welche Individuen mit welchen Absichten welchen Sinn transportieren. Und damit sind wir über die Form in den Inhalt des Buchs geraten.

Die Setz-Antworten auf Fragen zu seiner Person, seinen Absichten, Empfindlichkeiten und so weiter sind oft Erzählminiaturen, die sich auf Bücher, Filme, Computerspiele beziehen: "Können Sie die – nach langem Spielen auftauchende – Frage, ob wir überhaupt noch in Kontakt mit dem Zeugs da draußen seien, nachvollziehen?

Super Mario kriegt einen Stern und ist unzerstörbar. Aber anstatt in Monster zu rennen, steht er da, an diesem sonnigen Herbsttag, blinkend."

Man kann diese Antwort mit Nein übersetzen, sie ist zugleich auch schon der Beleg für ihren Inhalt: Drinnen und draußen werden nicht länger getrennt, es gibt keinen unterscheidenden göttlichen oder auktorialen Blick auf das (Text-)Geschehen.