Die Präsentation des sogenannten Elbtowers in der vergangenen Woche war ein Fest der Formulierungsakrobatik. Mit dem Wolkenkratzer an den Elbbrücken entstehe ein "unverwechselbarer Kristallisationspunkt". Vom "feinen Spiel von Horizontalität und Vertikalität" war die Rede und davon, dass das neue Hochhaus ein "Auftakt für den Eingang zum Zentrum Hamburgs" sein werde.

Bei allem Worthülsenalarm: Etwas ist in Hamburg anders als in anderen Metropolen. Hier loben Politiker nicht die gigantischen Dimensionen des Geplanten. Man versucht stattdessen, den Wolkenkratzer als bescheidenes, zurückhaltendes Bauwerk darzustellen. Das Gebäude knüpfe "in seiner Feinheit und mit seiner filigranen Fassade sowie der weißen Textur an die hanseatische Tradition der weißen Stadt am Wasser" an. So erklärt es der neue Oberbaudirektor Franz-Josef Höing. HafenCity-Chef Jürgen Bruns-Berentelg nannte den Elbtower ein "Kontorhaus des 21. Jahrhunderts", Olaf Scholz entdeckte in dem 235 Meter hohen Glas-Beton-Schwengel eine "klassische Haltung", die "zum neuen Hamburg" passe. Keinesfalls sei der Elbtower eine "Architekturdiva", ist einer Senatspressemitteilung zu entnehmen.

So viel Bescheidenheit. Ist sie die Folge der Geschichte? Der letzte Politiker, der in Hamburg eine über zweihundert Meter hohe Immobilie bauen lassen wollte, hieß Adolf Hitler.

In jedem Fall pflegt man in der Stadt das Image der gediegenen Traditionsmetropole. Seit je heißt es, kein Hochhaus dürfe die traditionelle Silhouette mit dem Michel im Zentrum überragen. Zwar hat der Immobilienboom auf St. Pauli diese Regel schon in den nuller Jahren ausgehebelt, trotzdem tut man so, als seien die Bauten keine Hochhäuser, sondern eine "Hafenkrone" oder "Tanzende Türme".

Die Wortakrobatik bei Immobilien finden ihre Entsprechung in einer Hamburger Zivilgesellschaft, die dem Vertikalen generell skeptisch gegenübersteht.

Wer häufig Veranstaltungen zu Stadtentwicklungsprojekten besucht, weiß: Alles, was über fünf Stockwerke hinausgeht, macht aus Hamburgern gereizte Wutbürger. Ganz gleich, ob es sich um Reihenhausbewohner aus dem Speckgürtel oder Grünen-Wähler aus den Szenestadtteilen handelt. Bei der Präsentation der Entwürfe zum neuen Stadtteil in Oberbillwerder konnte man es wieder erleben: Architekten, die es wagten, zwischen ihre Townhouse-Idyllen einen Wohnturm zu platzieren, wurden weggezischt und ausgebuht.

Dass der Vertrag über den Bau des Elbtowers ohne vorhergehende Bürgerbeteiligung zustande kam, wird also seine Gründe haben. Hamburger halten Hochhäuser tendenziell für Insignien menschenfeindlicher Urbanität – da wollte man die Öffentlichkeit wohl lieber draußen haben. Denn allem Wortgeklingel zum Trotz ist der Elbtower ein 235-Meter-Koloss, und auch die leichte Drehung macht aus dem Entwurf des britischen Architekten David Chipperfield keine "Skulptur".

Siebzig- bis achtzigtausend Quadratmeter Bürofläche sollen in die Vertikale wachsen. Ob das Gebäude, wie Scholz erklärte, "deutlich mehr als 3.000 Arbeitsplätze" schafft, oder ob einfach anderswo Leerstand entsteht, bleibt die Frage. Wohnungen wird es in dem autobahn- und hafenumtosten Gebäude sinnvollerweise nicht geben. Wahrscheinlich kommt in die unteren Geschosse die übliche Shoppingmall mit Multiplexkino und systemgastronomischer Fressmeile. "Öffentlichkeitsbezogene Nutzungen" heißt das im sozialdemokratischen Planersprech. Vielleicht hätte man in Dubai noch ausladender gebaut, aber dass das Hochhaus an den Elbbrücken ein Investorenprojekt im Emirate-Stil ist, welches die Bilanz der HafenCity GmbH aufmöbeln wird, lässt sich nicht wegreden.

Geht davon die Welt unter? Nein!

Im Gegenteil: Der Elbtower sollte ein Auftakt sein, in dieser Stadt neu über Hochhäuser nachzudenken. Das Wolkenkratzer-Ressentiment ist unangebracht. Hoch zu bauen bedeutet erst einmal nur, viel Gebäude auf wenig Grundstück unterzubringen. Das kann angesichts galoppierender Grundstückpreise und zersiedelt-ausgefranster Stadtlandschaften sinnvoll sein, nicht nur für Investoren und Käufer von Penthousewohnungen im zwanzigsten Stock.

Wenn die Forderungen nach mehr bezahlbarem Wohnraum real werden sollen, ist Verdichtung das Mittel der Wahl. Das zeigt sich am Beispiel der sogenannten Planbude für das EssoHäuser-Areal: In einem innovativen Beteiligungsmodell haben Anwohner ihre Traumhäuser mitentworfen. Und weil sie auf dem begrenzten Platz viel unterbringen wollten, sind die Entwürfe für das entstehende "Paloma-Viertel" waghalsige, verschachtelte und hochverdichtete Gebäudekomplexe geworden, die auch vor Wohntürmen nicht zurückschrecken.

Das sollte die Botschaft sein, die von den Elbtower-Planungen ausgeht: Hamburg traut sich endlich, in die Höhe zu bauen. Historisch gelungene Beispiele wie die Grindelhochhäuser in Eimsbüttel oder das Niebuhr-Hochhaus an der Reeperbahn gibt es bereits. Was spricht dagegen, einen Wolkenkratzer in Angriff zu nehmen, den es so in Dubai oder Bahrain nicht geben würde?