Sven Drewke mag seine Arbeit. Das stellt er gleich am Anfang einmal klar. "Es gibt ja Leute, die beschweren sich jeden Tag, aber das geht mir überhaupt nicht so." Der studierte Pädagoge, kahl rasiert, Mitte vierzig, sitzt an einem Versammlungstisch der Arbeiterwohlfahrt in der Schweriner Altstadt und plant seinen Tag. Neben ihm Heike Wojak, mit der er oft im Tandem arbeitet. Die beiden sind Familienhelfer. Im Auftrag des Jugendamtes besuchen sie Schweriner Eltern, weil befürchtet wird, dass das körperliche, geistige oder seelische Wohl ihrer Kinder gefährdet sein könnte. Die beiden betreuen aber auch Mütter und Väter, die selbst um Hilfe bitten, weil sie nicht weiterwissen.

Drewke kann gut mit Schulverweigerern und Vätern. Heike Wojak kann gut mit Müttern und Mädchen. Vor den Familien siezen sich die beiden, hier im Büro nicht. "Du, Herr Drewke", sagt Wojak, "nimm deinen Kaffee mit, die Meinhardts sind da."

Herr und Frau Meinhardt, die wie alle Eltern in diesem Text eigentlich anders heißen, warten auf einem roten Sofa im Beratungszimmer. Die beiden sehen mitgenommen aus. Sie tragen Kurzhaarschnitt, Jeans und Sweatshirt. "Ich habe mir einen Timer gekauft", platzt Sandra Meinhardt heraus, als sie Heike Wojak sieht, "für 50 Cent, bei Kaufland!" – "Toll, für 50 Cent?", sagt Wojak. "Jetzt hat die Zettelwirtschaft ein Ende. Sehr gut, Frau Meinhardt, sehr gut!" Sie lachen zusammen. Sandra Meinhardt hat eine leichte geistige Behinderung und Schwierigkeiten, sich Termine zu merken und sie einzuhalten. In ein paar Tagen hat sie eine Verabredung mit dem Jugendamt. Nach zwei Jahren in einer Jugendwohngruppe soll Jonas, der elfjährige Sohn der Meinhardts, zu seinen Eltern zurückkehren. "Ich bin da optimistisch", sagt Sven Drewke zu den Eltern, "aber die endgültige Entscheidung trifft das Jugendamt." Jonas ist auf eigenen Wunsch ausgezogen. Die Eltern stritten, der Vater trank. Nun geht es darum, ob Vater und Mutter ihre "Hausaufgaben gemacht haben", wie Heike Wojak das nennt. Sie hatten den Auftrag, ein Kinderzimmer für Jonas einzurichten, das gab es vorher nicht. "Ich habe ihm kleine Mokkatassen aufgehängt", sagt Herr Meinhardt.

Ein wenig sehen sie selbst aus wie Kinder, wie sie da vor den Familienhelfern sitzen, sich ab und zu streiten, einander zwicken und kichern. Wenn Sven Drewke es schafft, die Aufmerksamkeit der Meinhardts zu bekommen, geht es um anstehende Termine. Zur Lehrerin und zum Arzt wird er mitgehen. Aber wie hat es mit dem Aufstehen geklappt, als Jonas neulich probeweise zu Hause war? Wenn Jonas morgens duschen will, damit er nicht riecht, dann ist das gut, sie sollen es erlauben. "Der schwitzt ja auch wie verrückt, wenn der schläft", sagt Herr Meinhardt, stolz darauf, seinen Sohn jetzt genau im Blick zu haben.

"Wenn die Eltern so mitmachen, können wir als Familienhelfer Berge versetzen", sagt Heike Wojak, als die Meinhardts gegangen sind. Wojak ist überzeugt, dass die meisten Eltern nur das Beste für ihr Kind wollen. "Alle haben diese Urliebe." Nur wie das geht, zu lieben und sich zu kümmern, das wüssten sie nicht selbstverständlich. Woher auch? Sie selbst haben es in ihren Familien oft nicht erfahren. "Wir schauen mit den Eltern immer auch die eigene Biografie an, wollen wissen, was sie erlebt haben." Wojak reißt die Augen auf: "Ich habe solchen Respekt vor diesen Menschen!"

Mecklenburg-Vorpommern ist nach Bremen und Berlin das Bundesland mit den meisten materiell armen Bewohnern. Nahezu jedes dritte Kind ist hier armutsgefährdet. Was das heißt, haben Drewke und Wojak täglich vor Augen. Das Geld reicht dann nicht für gesundes Essen, Kultur, Hobbys oder Urlaub. Die Spirale dreht sich immer weiter in Richtung gesellschaftliches Abseits.

Zweiundzwanzig war Heike Wojak, als sie vor sechs Jahren als Familienhelferin anfing. Sie hat einen Bachelor in Sozialer Arbeit und eine Ausbildung als Systemische Beraterin gemacht. "Nach dem Studium wusste ich gar nichts", sagt sie. "Die Fachkraft, die ich heute bin, bin ich durch mein Team geworden." Mit ihren Kollegen würde sie alles besprechen, Ratlosigkeit und Trauer teilen, aber auch mal dumme Scherze machen. "Das ist unsere Psychohygiene", ergänzt Sven Drewke. Die Familienhelfer müssen oft schwere Entscheidungen fällen. "Wenn wir dem Jugendamt empfehlen, ein Kind von den Eltern zu trennen, dann zerreißen wir eine Familie", sagt Heike Wojak, und ihre Jugendlichkeit fällt bei diesem Satz für einen Moment von ihr ab. Sie erzählt von einer Mutter mit vier Kindern, die eines Abends versuchte, sich mit Tabletten umzubringen. Am nächsten Tag hat Wojak dem Jugendamt empfohlen, die vier Kinder in Obhut zu nehmen, was dann auch geschehen sei. "Das ist eine kurzfristige Maßnahme, aber keine Lösung!" Das ist ihr wichtig zu sagen. "Viele Menschen, mit denen ich rede, denken, das ist doch einfach: Vater ins Gefängnis, Mutter in die Therapie und die Kinder ins Heim. Aber das bringt gar nichts, weil die Familie sich in einem Vierteljahr wieder genauso am Küchentisch gegenübersitzt und sich nichts verändert hat. Man muss mit den Familien arbeiten, damit sich etwas ändert." Ihr Beruf habe sie verständnisvoller gemacht, sagt Wojak. Richtig ärgern kann sie sich über all die Vorurteile, die es gegenüber ihren Klienten gibt. "Gehst du wieder zu den Dummies im Plattenbau? – Wenn ich das höre, werde ich wirklich böse. Was wissen denn die Leute schon über das Leben dieser Menschen?"