Vielleicht schlägt jetzt seine große Stunde. "Das ist noch mal eine Mission!", hat Horst Seehofer mit leicht belegter Stimme gesagt, als man ihn auf das Amt ansprach, das er womöglich bald ausüben darf: das Amt des Super-Innenministers, zuständig für Geheimdienste, Polizei, Sport, Innere Sicherheit, Islam-Konferenz. Zuständig für das Bauen. Und vor allem, ganz neu: für die Heimat. Für manche ist das ein Kampfbegriff, für andere eine Sehnsucht. Soll und kann Horst Seehofer in diesem Amt vielleicht sogar den deutschen Konservatismus retten?

Schneller als man "Franz Josef Strauß" sagen kann, waren die ersten Sottisen auf dem Markt. Unter dem Hashtag #HeimatHorst fand sich, was ein Teil der Netzgemeinde halt so mit dem Wort "Heimat" verbindet: Seehofer im Trachtenjanker, Seehofer in Schafherde, beim Schuhplattlern und Maßkrug-Stemmen. "Stehen schon die Gauleiter im Heimatministerium fest, #HeimatHorst?", fragte einer, andere klagten, die Nachricht habe sie um den Schlaf gebracht.

Seehofer selbst bemühte sich umgehend um Entwarnung. "Wenn Sie das Netz anschauen", sagte er matt lächelnd, "da meint man gleich wieder, es geht um Lederhosen, um Dirndl und Folklore. Da sage ich: Das auch! Es geht auch um Kultur. Vor allem aber geht es um die Angleichung der Lebensverhältnisse in allen Regionen Deutschlands." Die richtige Dorfentwicklung, das Breitband, Glasfaserkabel, der Landarzt, die Bushaltestelle – Heimatpflege ist für Seehofer keine neue Broschüre mit aufmunternden Worten. Mit zwei angeschlossenen Bauabteilungen, dem Versprechen von anderthalb Millionen neuen Wohnungen im Koalitionsvertrag, mit 109 Beamten aus dem Landwirtschaftsministerium und einem eigenen Staatssekretär wird es hier nicht um Peanuts gehen.

Bayern und Nordrhein-Westfalen haben bereits Heimatministerien, wenn auch mit sehr unterschiedlicher Ausstattung. In Bayern ist es Teil des von Markus Söder geführten Finanzministeriums. Söder hat die vier Jahre seit der Gründung genutzt, um Behörden und Uni-Abteilungen im ländlichen Raum anzusiedeln, die Internetversorgung mit 1,5 Milliarden Euro aufzupäppeln und schlicht den Bürgermeistern mehr Geld zu geben, die er oft persönlich aufsucht. Nicht einmal seine erbittertsten Gegner bestreiten, dass Söder da Erfolge vorzuweisen hat: Die Geburtenrate stieg, mehr Leute zogen aufs Land, dem Arbeitsmarkt geht es besser, und sogar im strukturschwachen Norden Bayerns gelingt es Unternehmen häufiger, sich über Wasser zu halten.

Doch natürlich wissen alle Beteiligten, dass das Heimatministerium in Wahrheit ein "Anti-AfD-Ministerium" ist – ein Ministerium, das durch Investitionen besonders in den ländlichen Raum verhindern soll, dass Menschen dort vereinsamen, verbittern und Populisten wählen. "Der beste Schutz gegen Radikalismus ist die Lösung von Problemen" – das ist Seehofers Maxime.

Allerdings ist die Rechnung in Bayern nicht ganz aufgegangen. Trotz unbestreitbarer Erfolge, trotz einer fühlbaren Verbesserung der Lage hat es die AfD in den vier Jahren seit der Einrichtung des Heimatministeriums auf 14 Prozent in den Umfragen geschafft, während die CSU, die einmal absolute Mehrheiten für Standard hielt, nicht einmal mehr auf 40 Prozent kommt.

In dieser Lage ruft Seehofers Parteifreund Alexander Dobrindt die konservative Revolution aus – eine Feinderklärung an die 68er, den Prenzlauer Berg, die "Ökologisten" und die Islamisten und ein ahnungsloses Spiel mit der Kampfansage an die Demokratie, die sich hinter dem Schlagwort einmal verbarg. Von Seehofer war so etwas nicht zu hören.

Seehofer hat in den zwei Jahren der Flüchtlingskrise vieles gesagt und getan, was die Schwesterpartei CDU und deren Kanzlerin zur Verzweiflung trieb. Er sprach von einem "Unrechtsstaat", drohte mit einer Verfassungsklage, traf sich mit Merkels Antipoden von Putin bis Orbán. Aber Horst Seehofer hat in der ganzen Zeit nicht einen einzigen rassistischen Satz gesagt. Obwohl das so leicht, der Applaus ihm sicher gewesen wäre.

Das Wort "Islam" kam in seinen Klagen über die "Grenzöffnung" nicht vor. In den Jahren vor der Flüchtlingskrise hatte Seehofer versprochen, den deutschen Sozialstaat "bis zur letzten Patrone" zu verteidigen – wohl wissend, dass man entweder Massenzuwanderung oder Wohlfahrt auf dem derzeitigen Niveau haben kann, aber nicht beides. Und er hatte 2013 einmal gesagt, Zuwanderer aus dem arabisch-türkischen Raum "täten sich schwer", daher brauche man von dort keinen weiteren Zuzug. Aber in der Flüchtlingskrise? Mitten in der politischen Panik? Kein Wort des Ressentiments, nicht eins.

Welche Ironie, dass der verwaiste Platz des Konservativen ausgerechnet Seehofer zufällt

Man braucht nicht nach Österreich zu schauen, um sich klarzumachen, wie kostbar eine solche Unbeirrbarkeit für die Zukunft des Konservatismus in Deutschland ist. Das Personaltableau der Konservativen ist mit den Jahren immer mehr verödet. Zu groß die Kluft zwischen dem entfesselten Tempo der Globalisierung und der Sehnsucht nach dem Verlorenen: You can’t go home again. Aber entgegen anderslautenden Behauptungen gibt es konservative Positionen, die nicht sofort verdampfen, wenn man sie scharf ansieht: null Toleranz an Bahnhöfen und Problemzonen, "Nein heißt Nein" auch in der Migrationspolitik, das Abitur ist anstrengend, und das ist auch gut so, Deutschland hat Interessen im Ausland, die zur Not auch militärisch geschützt werden müssen, und einige mehr.

Welche Ironie, dass der verwaiste Platz des Konservativen ausgerechnet Horst Seehofer – dem Ingolstädter Sohn eines Lkw-Fahrers von der "falschen Seite der Donau" – zufallen sollte, während ein zu Guttenberg den Schneid eben nicht hatte.

Natürlich folgt auch Seehofer der Straußschen Empfehlung, die eigenen Prinzipien so hoch zu halten, dass man bequem drunter durchkommt. Er hat oft im Namen des Volkes atemberaubende Wenden und Volten hingelegt. Aber als es hart auf hart kam, hat Horst Seehofer nicht dem Hass nach dem Mund geredet. Und er weiß, dass aus der Einsamkeit in abgehängten Gegenden echter Terror entstehen kann. Viel mehr braucht es vielleicht gar nicht.