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Die Idee ist gut, denn kostenlose Bus- und Bahnfahrten verbessern die Lebensqualität in den Städten und sind sozial gerecht

Dass die Bundesregierung nun erwägt, in einigen Städten den kostenlosen Nahverkehr für alle zu testen, ist zwar nicht einer überraschenden Einsicht in eine richtige Idee geschuldet. Es hat bloß damit zu tun, dass Deutschland die Luftqualität in seinen Städten nicht in den Griff bekommt, dass deswegen die EU-Kommission mit einem Gerichtsverfahren droht und dass die Regierung dieses Übel nun mit einem radikalen Ansatz abzuwenden versucht. Manchmal muss man eben zu seinem Glück gezwungen werden, und das passiert jetzt.

Warum auch nicht? Die Idee ist zwar kompliziert, hat aber einiges für sich und überzeugt langfristig. Und zwar aus drei Gründen.

Erstens verbessert mehr öffentlicher Nahverkehr wirklich die Luftqualität. Der Energieverbrauch einer Bahn- oder Bustour pro Passagier ist nur halb so hoch wie der bei einer gleich langen Autofahrt, hat der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) errechnet. Und wer immer noch bestreitet, dass Autoabgase eine der Hauptursachen für schlechte Luft in den Städten darstellen, muss nur mal im Sommer nach Stuttgart oder München fahren. Auf die Autoindustrie kann man bei der Lösung der Probleme nicht vertrauen. Sie hat zwar mit Umweltschutzversprechen keine Probleme, wohl aber damit, diese auch einzuhalten, wie die Dieselaffäre eindrucksvoll beweist. Schon heute ersparen die Bus- und Bahnfahrten hierzulande täglich 20 Millionen Autotouren. Sinken die Kosten für den Nahverkehr, werden ihn noch mehr Leute nutzen und damit auch die Umweltbilanz verbessern.

Politisch lässt sich das Projekt Luftverbesserung zudem leichter durchsetzen, wenn man es mit dem kostenlosen Nahverkehr begründet. Das kommt im Autoland Deutschland mit seiner starken Motorlobby jedenfalls besser an, als beispielsweise Fahrverbote zu verhängen. Statt Autos zu verbannen, gilt es, Alternativen zu fördern – und auf diesem Wege das Gleiche zu erreichen.

Zweitens schafft kostenloser Nahverkehr mehr soziale Mobilität. Häufig prangern Lokalpolitiker die Spaltung ihrer Städte in arme und reiche Viertel an. Diese lässt sich mit der Durchmischung von Wohngebieten verringern, aber auch durch die Förderung von Mobilität, die nicht am Geldbeutel hängt. Wer kostenlos von A nach B kommen kann, nimmt vielleicht auch eher einen Job an einem Ort an, der nicht in fußläufiger Entfernung liegt. Jedenfalls eher, als wenn er sich ein Auto kaufen oder eine Monatskarte abonnieren muss, die in Großstädten wie Hamburg höhere zwei- oder sogar dreistellige Summen kosten kann.

Drittens macht kostenloser Nahverkehr den öffentlichen Raum wieder zu einem nutzbaren Raum. Viele Menschen klagen heute über Staus und mangelnde Parkplätze, vergessen aber, dass schon ein Mittelklassewagen acht Quadratmeter Fläche benötigt – ob er nun fährt oder steht.

Um mal einen Eindruck davon zu bekommen, wie wertvoll Raum ist: Schon am Stadtrand von München kann der Quadratmeter Bauland schnell mal 2000 Euro kosten. Warum diesen Raum nicht stärker für das nutzen, was Städte lebenswert macht? Cafés, Spielplätze, Fußgängerzonen, Radwege. Parkplätze können wieder zu Parks und Plätzen werden. Der stetig wachsenden SUV-Fangemeinde unter den Autofahrern könnte man das sogar schmackhaft machen. Wenn die Stadt nicht mehr ihnen gehört, können sie ja gern aufs Land ausweichen – und ihre hochgezüchteten Offroader endlich ihrer eigentlichen Bestimmung zuführen.

Natürlich ist kostenloser Nahverkehr ein Projekt mit ökonomischen Risiken. Der sicherste Weg, es zu ruinieren, wäre, einfach nur die aktuellen Ticketkosten zu übernehmen – aber das Angebot nicht parallel auszubauen. Schnell würde die steigende Nachfrage zu überfüllten Bussen und Bahnen und womöglich zu Warteschlangen an den Haltestellen führen. Dann würden die Kritiker sagen: Seht her, wir haben immer schon gesagt, dass es keine Alternative zum Auto gibt! Was sie dabei verschweigen würden, ist, dass über Jahrzehnte hinweg die Städte immer autofreundlicher gemacht wurden.

Gut 12 Milliarden Euro nahmen die deutschen Nahverkehrsbetriebe 2017 durch den Verkauf von Tickets ein, berichtet der VDV. Der Finanzbedarf ist beim bestehenden Angebot etwa doppelt so hoch. Es stimmt also, dass Busse und Bahnen schon jetzt ohne öffentliche Zuschüsse nicht fahren könnten. Aber subventioniert wird der Autoverkehr auch. Durch die Steuervorteile für Dieselkraftstoffe, durch Konjunkturprogramme wie die Abwrackprämien, durch den Ausbau von Straßen. Und natürlich die komplette Übernahme aller durch den Autoverkehr anfallenden Kosten, die mal die Umwelt betreffen und mal die Luft zum Atmen. MARCUS ROHWETTER