Wilfried Minks * 21.2.1930 † 13.2.2018 © Bernd Thissen/dpa

Wilfried Minks war ein Bauernsohn aus Deutsch-Böhmen (heute Tschechien). Seine Seelenlage beschrieb er als kuriose Mischung: Eine von der Mutter ererbte Neigung zum starken Gefühl hätte, so sagte Minks, wohl dazu geführt, dass aus ihm ein "ziemlich sentimentaler Heini" geworden wäre – wenn nicht die Klarheit des Vaters hinzugekommen wäre. Seltsamerweise meint man, den inneren Kampf zwischen Gefühl und Klarheit in seiner Kunst zu sehen. Seine Räume zeigen, wie sich da einer den sentimentalen Heini vom Leibe hält, der er eigentlich hätte werden müssen.

Es war ja die Sentimentalität, das Pathos in seinem Theater schon immer vorhanden: aber als ausgestellte, gleichsam im Genick gepackte Sentimentalität (mit falschem Schnee, Gipsbüsten, Pop-Art). Minks wollte eine ganz bestimmte Realität, "die nur in diesem Raum in diesem Moment möglich war". Wer auf seinen Bühnen auftrat, die leer und weiß, später auch sehr bunt sein konnten, der kam nicht aus einer literarischen Vorwelt, sondern er musste sich als Gegenwärtiger behaupten. Er musste einerseits gegen den Raum bestehen, in dem man nicht behaglich verschwinden konnte wie in jenen mit Requisiten beladenen Bühnen-Dickichten, welche typisch waren für bürgerliches Theater. Er musste sich andererseits gegen seine Mitspieler behaupten, da die Minksschen Räume die Hierarchie zwischen den Figuren löschten: Es gab hier keine "Tiefenstaffelung", welche a priori klargemacht hätte, wer Majestät (vorn, zentral) und wer Mitläufer (am Rand, vorbeihuschend) war. Seine Bühnen sollten Räume der Freiheit unter Gleichrangigen sein, die, jeder für sich, ihre Sache verfochten.

Wenn die Geschichte des modernen deutschen Theaters erzählt wird, müssen diese drei Namen fallen: Kurt Hübner, Peter Zadek, Wilfried Minks. In Ulm und dann in Bremen entwarfen der cholerische, zur Langeweile unfähige Theaterchef Hübner, der demonstrativ unüberraschbare Regisseur Zadek und der von der amerikanischen Pop-Art begeisterte, nachdenkliche Künstler Minks in den sechziger Jahren die Küche, auf deren Herdfeuern das deutsche Theater in den kommenden Jahrzehnten seine Eigenarten auskochte.

Der Regisseur Hans Neuenfels schrieb über Hübners Bremer Theater: "Er hielt sein Haus in einer ununterbrochenen Spannungswaage, falls es dergleichen gibt, und man wusste nie genau, welches Gefühl den Ausschlag geben könnte, aber fühlte stets an sich appelliert, mitzumachen, zu beeinflussen, beteiligt zu sein. Alle konnten gewissermaßen Täter werden."

So war auch Minks Täter in dem Sinne, dass er viel mehr tat, als Bühnen zu bauen. Er dachte nach über Stücke, und die Schlüsse, zu denen er kam, wurden zu Räumen, worin Menschen um ihr Leben spielten. Er war auch als Bühnenbildner ein Regisseur (was er später offiziell wurde).

Die Freiheiten, die das Theater sich damals nahm, waren wesentlich bedingt durch Wilfried Minks’ Bühnen: Orte, wie beschichtet mit einem Lack; das Moos der Vorzeit konnte sich dort nicht niederlassen. Minks verzichtete auf falsche Fenster, die hinausblickten in eine behauptete Umwelt, auf eine vorgestellte Natur. Seine Bühnen waren Tiefen, als Oberflächen getarnt, in die jeder allein starren musste. Er hat im Lauf der Zeit mit allen großen Regisseuren gearbeitet, denn er hat ihre Spielräume ja erdacht. Jetzt ist Wilfried Minks, kurz vor seinem 88. Geburtstag, gestorben.