Die Nacht, in der Thorben Weber* seine Männlichkeit verloren hatte, endete mit einem höhnisch schönen Sonnenaufgang vor seinem Schlafzimmerfenster. Es war im Juli 2015, Weber zog die Gardinen zur Seite und schaute hinaus auf die sanft geschwungenen Hügel des Schwarzwaldes. Alles wie immer – doch nichts mehr wie gewohnt. Im Laufe der kommenden Wochen würde Weber seine Freundin verlieren, dann seine Wohnung, am Ende die Achtung vor sich selbst. Wenn er beschreiben soll, wie sein Unglück begann, sucht er lange nach Worten und sagt schließlich: "Ich habe keinen mehr hochbekommen."

Schuld daran, davon ist Weber überzeugt, ist ein Medikament gegen Haarausfall. Das Mittel haben Apotheken unter Handelsnamen wie Propecia, Finapil und Finasterid-ratiopharm im Sortiment, es ist weltweit der meistverkaufte Wirkstoff gegen Haarausfall. Zehntausende Männer schlucken die Pillen in Deutschland, Hunderttausende in den USA, nach Aussage seines Arztes auch der amerikanische Präsident Donald Trump. Bei einem Teil dieser Männer zeigen sich während der Einnahme wie auch nach dem Absetzen des Haarwuchsmittels merkwürdige Symptome: Erektionsstörungen, Depressionen, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafprobleme und einiges mehr. In Deutschland gibt es inzwischen um die tausend, in den USA Zehntausende Betroffene. Weltweit haben sich jetzt Männer zusammengeschlossen, um gemeinsam gegen einige der Firmen zu klagen, die das Haarwuchsmittel verkaufen.

Thorben Weber ist einer von ihnen. Er verlangt Schadensersatz und Schmerzensgeld vom Arzneimittelkonzern Dermapharm, der ein Generikum, also ein Nachahmer-Präparat, herstellt. Sollten Weber und seine Mitstreiter ihre Prozesse gewinnen, könnte das Rechtsgeschichte schreiben.

Nichts davon konnte Thorben Weber absehen, als er in jener Julinacht des Jahres 2015 mit seiner damaligen Freundin schlafen wollte, wie viele Hundert Male zuvor. Nun wurde plötzlich sein Penis schlaff. So etwas sei ihm bis dahin nie passiert, sagt er. "Ich habe wohl zu viel getrunken", habe er damals gemurmelt. Noch heute ist Weber die Scham anzumerken, wenn er davon erzählt.

Die Sorge, die damals in ihm aufstieg, hat sich mittlerweile zum alles bestimmenden Thema in seinem Leben entwickelt. Thorben Weber ist heute, mit 33 Jahren, ein gebrochener Mann. Nie hätte er gedacht, dass die Einnahme einer scheinbar harmlosen rosafarbenen Pille gegen Haarausfall derart folgenreich sein könnte. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass ein paar Tabletten die Kraft besitzen, sein Lebensglück zu zerstören. Er sagt: "Ich bin isoliert."

Das war Weber früher nie, er war ein lebensfroher junger Mann, umgeben von anderen jungen Menschen. Er ist Lehrer für Mathematik und Musik, war begeisterter Drachenflieger, leidenschaftlicher Schlagzeuger, Dirigent eines Orchesters, Leiter mehrerer Jugendzeltlager. Viele Kinder mochten ihn, so erzählt er es. "Ich fand schnell einen Draht zu ihnen", sagt Weber. Er hat Briefe aufbewahrt, in denen sich Schüler für lustige Nachmittage im Orchester bedankten und von Mountainbike-Touren schwärmten, die Weber mit ihnen auf Klassenfahrten unternommen hatte. Zu der Zeit, in der er sich noch gut fühlte.

Auch auf Frauen sei er damals sorglos zugegangen, sagt Weber. Oft war er abends in Kneipen und Clubs in Freiburg unterwegs. Die Frauen, die er dort kennenlernte, mochten besonders seinen Humor. Wenn er heute davon erzählt, blitzt etwas von dieser Unbeschwertheit auf. Aber ebenso schnell verliert seine Stimme ihren heiteren Klang, und Weber, ein hagerer junger Mann mit schütterem Haar, sinkt in sich zusammen. Denn in seinen Erzählungen kommt er ohne ein entmutigendes Wort nicht mehr aus: "früher".

Seitdem Weber die Fähigkeit zur Erektion verloren hat, stößt er auf einen Zusammenhang, der ihm zuvor nie bewusst gewesen war: den Zusammenhang von einer erfüllten Sexualität und einem gelingenden Leben. Je mehr das eine fehlt, desto schwieriger wird das andere. Weber wundert sich heute darüber, wie viel Zufriedenheit von dieser scheinbar kleinen Frage abhängt: Steht er, oder steht er nicht? Früher dachte Weber darüber nicht nach. Heute fürchtet er sich davor, dass andere Menschen von seiner Störung erfahren könnten.

Weber erinnert sich noch gut daran, wie er als Jugendlicher zum ersten Mal mit einem Mädchen schlief. Alles war sehr aufregend. Mit seinen Freunden feixte er zwar vorher, auch kam die bange Frage auf, ob es überhaupt klappen werde. Aber ernsthaft zweifelte daran niemand von ihnen. Als es so weit war, trank sich Weber Mut an. Dass es eine schöne Nacht gewesen sein muss, ist ihm noch heute anzumerken. Auf seinen Penis konnte er sich verlassen, selbst wenn er betrunken war. Nach dem ersten Mal, sagt Weber, habe er viele Nächte erlebt, in denen er unbeschwert und ausgelassen Sex hatte.

Dann aber, im Juli 2015, blickte er in das erschrockene Gesicht seiner Freundin. Aus Rücksichtnahme auf ihn versuchte sie noch, so zu tun, als sei nichts Besonderes geschehen, aber Weber spürte sofort, was da vor sich ging, bei ihr und bei sich selbst. Die Freundin streichelte ihn, lockte und liebkoste – aber nichts geschah. Nicht in jener Nacht, auch nicht in der nächsten.