In einem Dorf, das es bald nicht mehr geben wird, leben zwei Familien, die gerade von vorne beginnen. Die Klosterhalfens und die Jabars.

Die Jabars sind zu fünft. Yasir ist 15, der Bruder Muhtaz elf, die Schwester Ghadeer 13, ihre Eltern heißen Mohammed und Rasha. Vor mehr als zwei Jahren haben die Jabars Bagdad verlassen. Ständig hatten sie Angst. Eines Tages wurden der Vater und sein ältester Sohn von schiitischen Milizen entführt, sie entkamen, indem sie während der Fahrt aus dem Kofferraum sprangen. Jede Nacht konnte die letzte sein. Das Vertrauen war nur noch Vergangenheit.

Auch die Klosterhalfens sind zu fünft. Luca ist 15, Lisa zwölf, Lena elf und Laura 14, ihre Mutter heißt Stephanie, aber alle sagen Stephie. Vor mehr als einem Jahr hat der Vater die Familie verlassen. Ständig war er auf Montage. Eines Tages hatte er eine neue Frau. Jene Nacht, in der er das gestand, war die letzte. Die Liebe war nur noch Vergangenheit.

Das Dorf, in dem die Jabars und die Klosterhalfens Nachbarn wurden, heißt Morschenich, Gemeinde Merzenich, Kreis Düren, Regierungsbezirk Köln: neun Straßen, eine Kirche, ein Friedhof, ein Schützenverein, ein Sportplatz, ein Kindergarten, eine Kneipe und eine Kegelbahn, außer Betrieb. Früher waren hier mehr als 600 Menschen zu Hause, heute sind es keine 150. Morschenich liegt wie liegen gelassen im Rheinischen Braunkohlerevier, dieser vernarbten Landschaft voll qualmender Schlote, unter der sich vor Millionen Jahren Torfschichten in schmutziges Gold verwandelten. Der Tagebau Hambach, der größte Europas, wächst seit 1978 an den Ort heran. "Dat Loch" sagen die Morschenicher, stolz und scheu zugleich. Viele haben es selbst gebaggert. Nun wird es sie verschlucken. Spätestens 2024 muss Morschenich "geschleift" sein. Alle werden umgesiedelt, sogar die Toten vom Friedhof. Das Loch soll im Jahr 2040, wenn der Tagebau ausgeschöpft ist, geflutet werden. Der Hambacher See wäre nach dem Bodensee der zweittiefste Deutschlands. Und Morschenich-Alt, wie es jetzt schon heißt, nur noch Vergangenheit.

Im ganzen Dorf gab es niemanden, der damit gerechnet hätte, dass hier noch einmal Dutzende neue Leute einziehen würden. Dass in diesem Ort ohne Zukunft noch einmal die Gegenwart einbrechen würde. Doch im Herbst 2015 musste auch die Gemeinde Merzenich Flüchtlinge aufnehmen. Männer und Frauen und Kinder stiegen aus Reisebussen, und im Ortsteil Morschenich standen etliche Häuser leer, von den Vorbesitzern übergeben und von RWE verriegelt. In jedes der Häuser räumte man jetzt einen Herd und ein paar Stockbetten, sechs Quadratmeter pro Flüchtling. Hatte alles seine Ordnung. Und war doch reines Chaos. Der Bürgermeister Georg Gelhausen, CDU, sagt heute: Menschen, die gerade ihre Heimat verlassen mussten, Haus an Haus mit Menschen, die bald ihre Heimat verlassen müssen. Konnte keiner wissen, was das gibt.

Stephie Klosterhalfen steht am Küchenfenster ihres Klinkerhäuschens, in das sie vor sechs Jahren einzogen, als ein Ende fern schien, in Morschenich und in ihrer Ehe. Von hier schaut sie die Unterstraße hinunter bis zum Loch. Am Horizont glänzt das Schaufelrad eines Riesenbaggers. Aus der Nähe bimmelt eine Melodie: der Schrotthändler, der auf der Suche nach Haushaltsauflösungen durchs Dorf tuckert. Als er zum ersten Mal bimmelte, dachten die Kinder, der Eismann komme endlich nach Morschenich.

Nur wenn sie an dieser Stelle am Fenster steht, hat Klosterhalfen noch Handyempfang und kann die Welt hinter dem Loch erreichen. Vielleicht wurde ein Sendemast abgerissen. Vielleicht stört die Polizei das Netz, damit die Aktivisten, die sich an Bäume ketten im Hambacher Forst, der auch dem Tagebau weichen muss, nicht kommunizieren können. Klosterhalfen, gelernte Erzieherin, ist gerade nach Hause gekommen aus dem Kindergarten am Ortseingang, in dem sie seit der Trennung kocht, sonst reicht das Geld nicht. Irgendeines ihrer Kinder muss immer irgendwohin gebracht oder abgeholt werden. Sie muss mal wieder whatsappen.

Von ihrer Stelle am Küchenfenster beobachtete sie, wie aus Morschenich ein Geisterdorf wurde. Als der Nachbar gegenüber weg war, vernagelte RWE die Fenster, wegen der Kupferdiebe. Dann zogen die Bekannten schräg rechts ins fünf Kilometer entfernte Morschenich-Neu. Dann die Freunde links. Jede Familie hinterließ vor ihrem Haus einen Container, in dem landete, was nicht ins neue Leben passte. Stephie Klosterhalfen erkannte Sofas, auf denen sie an langen Abenden gesessen hatte, und verliehene Töpfe, die sie nie zurückbekommen hatte. Die Container erinnerten sie an Augenblicke, die sich leicht angefühlt hatten und die plötzlich schwer vor ihrer Haustür lagen.

Von hier sah sie aber auch, wie aus Morschenich-Alt eine neue Heimat wurde. Als einige der Flüchtlinge sich zum ersten Mal zum Loch wagten, um auch mal in den Abgrund zu gucken, bedienten sie sich einfach aus den Containern der Unterstraße. Den grünen Sessel ihrer Freunde sah Stephie Klosterhalfen im Laufe der Zeit in zwei verschiedenen Flüchtlingshäusern stehen. "Ich dachte erst, das ist doch Leichenfledderei", sagt sie, "aber dann: So halten sie die Erinnerung lebendig, und das Zeug ist noch für was gut!" Die Männer, die jetzt an ihrem Haus vorbeiliefen, unverständlich, aber unüberhörbar diskutierend, fand Klosterhalfen zu laut. Aber dann dachte sie: Vielleicht war es hier auch nur zu still geworden.