Kann sein, dass man diesen Frauen am Ende wieder nicht richtig zugehört hat. Seit sie zu Tausenden von sexuellen Übergriffen berichteten, ist die ganze Welt total aus dem Häuschen vor Empörung über schmierige Details und vor Begeisterung darüber, was möglich wurde: mächtige Männer von schönen Frauen zu Fall gebracht! Die wirksamste Infragestellung von Moral und Sitten seit 1968! Das Verhältnis der Geschlechter soll neu aufgestellt, ja Männlichkeit an sich und sogar die Sexualität neu erfunden werden. Die Gegenseite erhebt den Hysterieverdacht, man fürchtet um die Freiheit der Liebe. Toll! Was für eine Aufregung, was für eine Show!

Über eine prosaischere Gemeinsamkeit der #MeToo-Geschichten ist dabei bisher auffällig verhalten gesprochen worden: Viele Frauen (und einige Männer) berichteten, dass sie sexuelle Übergriffe erlebten, ausgerechnet, als sie versuchten, einen Job zu bekommen oder zu behalten. Wenn es um diesen Aspekt geht, werden die Begriffe verdächtig abstrakt. Man müsse "Strukturen" durchleuchten, heißt es dann. Die Täter hätten ihre "Macht" missbraucht. Interessant ist doch aber, worin diese Macht genau bestand. Es war ja keine aristokratische Verfügungsgewalt über die Körper von Untertanen, im Westen auch keine rechtlich gestützte Vorherrschaft der Männer und nur selten die Überwältigung durch die Macht des Charismas. Wir reden hier vielmehr über die Kapitalismus-typische Variante: Diese Männer hatten Arbeit zu verteilen, Frauen wollten diese Arbeit.

Auch deshalb ist die Initiative "Time’s Up" das bisher konstruktivste Ergebnis von #MeToo. Einige der Hollywood-Schauspielerinnen und Aktivistinnen haben sie gegründet, die auch die Bewegung losgetreten hatten: etwa Reese Witherspoon, Ashley Judd, Eva Longoria, die Produzentin Shonda Rimes, die Anwältin Tina Tchen und 300 andere. Den Time’s-Up-Button (weiße Schrift auf schwarzem Grund) werden sich bei der Oscar-Verleihung Anfang März wieder alle an die Haute-Couture heften – als absolut zeitgenössisches Accessoire, ein Must-have. Aber was bedeutet das Motto genau? In der langen Version: "Die Zeit sexueller Übergriffe, der Belästigung und Ungleichheit am Arbeitsplatz ist abgelaufen". Ungleichheit! Am Arbeitsplatz! Völker, hört die Signale: Hier hat sich keine Bande zur Beseitigung männlicher Genies gebildet, kein Verein zur moralischen Umerziehung aller Männer. Time’s Up formiert sich dezidiert als Bürgerrechtsinitiative eher klassischen Zuschnitts, die mit Anwaltsvereinen, Gleichstellungsstellen und Beratern Frauen und Männern helfen will, ihre Rechte gegenüber ihren Arbeitgebern durchzusetzen.

Ein Aufruf zum Arbeitskampf klingt weniger prickelnd als die Forderung, jedermanns sexuelle Vorstellungen einer Prüfung zu unterziehen. Trotzdem ist dieser Aufruf am Ende das eigentliche Ereignis und wahrscheinlich der Grund, warum diese Bewegung gerade jetzt und aus den USA kommend eine ungebrochene Dynamik entwickelt. Es ist eine Gegenreaktion, eine Solidaritätsdemonstration, in der Ära des Donald "pussy grabber" Trump, der nicht nur trotz herabwürdigender Reden über Frauen an die Macht gewählt wurde, sondern, dort angekommen, auch zügig von der Obama-Regierung auf den Weg gebrachte Arbeitsschutzgesetze zurücknahm. Wobei die Freiheit von Unternehmen, ihren Bedarf an Manpower flexibel jeder Konjunktur anzupassen, auf dem amerikanischen Markt sowieso unbenommen ist. Deshalb gibt es in den USA kaum Kündigungsschutz für Angestellte, es gilt die berüchtigte Praxis des hire and fire. Zur sogenannten Trumponomic, der Wirtschaftspolitik Trumps, gehört neben dem Protektionismus nach außen selbstverständlich die Deregulierung nach innen. Dazu kommt der aus Trumps Reality-TV-Show The Apprentice neben dem Spruch "You’re fired" bekannte ultimative Karrieretipp: "Impress the boss", "Du musst den Chef beeindrucken". Man versteht die Lage, in der sich zum Beispiel die Frauen befanden, die Harvey Weinstein missbrauchte, gar nicht, wenn man nicht begreift: Sie dachten, sie müssten den Chef beeindrucken, deswegen konnten sie ihm nicht die Tür seines Hotelzimmers vor der Nase zuschlagen.

Aber schon vor Trump waren Frauen sexuellen Übergriffen ausgesetzt, übrigens bei Weitem nicht nur Schauspielerinnen und Models, die von Projekt zu Projekt beschäftigt werden und in deren Arbeit erotische Ausstrahlung als entscheidend gilt. Weltweit haben Frauen aus allen Branchen ihre Erfahrungen zu #MeToo beigetragen. Die unangenehme Erkenntnis, die damit glasklar vor uns liegt, ist auch die: Krisengebeutelte Arbeitsmärkte prägen Menschen in einer Weise, die sie bei aller Emanzipation und Aufgeklärtheit in gewisser Weise wehrlos gegen Missbrauch macht. Der #MeToo-Skandal ist ein Produkt der spätkapitalistischen Mentalität, und man versteht ihn falsch, wenn man sich das nicht klarmacht. Zwei Regeln gibt es ja für den zeitgenössischen Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerin. Erstens: Du verkaufst nicht deine Arbeitskraft, sondern deine Persönlichkeit. Deren Wert bestimmt sich durch die Nachfrage nach deinen Eigenschaften und Talenten auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb berichten Frauen, die einen Job wollten und ein unmoralisches Angebot bekamen, von dem beschämenden Gefühl, die Grenzüberschreitung provoziert, ja darum gebeten zu haben. Sie hatten doch ihren Marktwert wissen wollen.

Eine typische Geschichte hat zum Beispiel Ashley Judd erzählt, eine der ersten Schauspielerinnen, deren Aussagen Weinsteins Missbrauchssystem enttarnten. In einem Interview besprach Judd ihre vertrackte Lage mit einer Reporterin des Fernsehsenders ABC. Interessant waren die Untertöne dieses Gesprächs. Sie sei keineswegs naiv gewesen, erklärte Judd. "Das muss ein Witz sein!", habe sie gedacht, als sie hörte, Weinstein wolle sie in seinem Hotelzimmer empfangen. Warum sie trotzdem hingegangen sei? "Because I had a business meeting." Darauf folgt keine Nachfrage, ein Geschäft ist alternativlos. Die Interviewerin erzählt voller Verständnis, dass auch andere Frauen ihr von Taktiken berichteten, mit denen sie ihre Geschäftsinteressen an sexuellen Gegenforderungen vorbei zu vertreten versuchten. Sie erwähnt einen "heiteren Ton in der Stimme, der dazu da ist, jemand Mächtigen nicht zu verärgern".

Sie habe, sagt darauf Ashley Judd tapfer, Weinstein einen Deal vorgeschlagen: Wenn sie für einen seiner Filme einen Oscar gewinne, werde sie die Gegenleistung erbringen. "Wenn du nominiert wirst", habe Weinstein nachverhandelt, erst dann sei sie mit den Worten "Nein, wenn ich gewinne" entkommen. Sie denke daran heute auch mit Scham zurück, sagt Judd. Diese Scham bezieht sich offenkundig nicht auf etwas Sexuelles, sondern auf die "Kunst des Deals" (Donald Trump). Als habe sie, bei dem Versuch ihren Erfolg zu verwalten, wie es der liberale Arbeitsethos vorschreibt, aus Versehen ein obszönes Tauschgeschäft über die eigene Haut abgeschlossen. Und das, ohne zu wissen, welcher Richter diesen Vertrag für sittenwidrig erklären würde.