Alle Menschen wollen glücklich sein. Denn der Mensch ist für die Freude geschaffen. Ebendeshalb sind Freud- und Trostlosigkeit, Trauer und Überdruss ein urmenschliches Problem.

Die Freude kann man niemand beweisen, aber sie kann anstecken. Mit der Besinnung auf die Freude soll hier ein Gegenakzent gesetzt werden zu großen Teilen der Philosophie und weiten Teilen der Theologie, die nach der Krise des alten Europa im Ersten Weltkrieg und in den Katastrophen des letzten Jahrhunderts vor allem das Scheitern und die Paradoxie des Menschen wie die Angst als seine Grundbefindlichkeit herausgestellt haben – und dabei die Leuchtspur der Hoffnung und der Freude in der Geschichte übersehen.

Aus dem 4. Jahrhundert stammt eine Geschichte, die auf den ersten Blick humorvoll, in Wirklichkeit sehr ernst ist. Sie berichtet von einem Mönch, der es in seiner Zelle nicht mehr aushält. Die Zelle wird ihm zu eng und die brütende Mittagshitze unerträglich. Langeweile, Überdruss und Widerwille gegen das geistliche Leben überkommen ihn. Es ist zum Davonlaufen. Und tatsächlich, er läuft davon. Er will aus seiner Zelle heraus, will hinaus ins, wie er meint, wirkliche Leben. Doch Lauheit, Unzufriedenheit, Lustlosigkeit, Traurigkeit begleiten ihn. Sein Überdruss am mönchischen Leben wird zum Überdruss am Leben in der Welt und an den weltlichen Freuden.

In der geistlichen Literatur gelten Lustlosigkeit und Trägheit, Widerwille und Überdruss als schlimmste Versuchung und als die Grundsünde überhaupt. Letztendlich ist sie das Nein zu der Aufforderung der Psalmen: "Dienet dem Herrn mit Freude!" Denn das Evangelium ist Botschaft der Freude und nicht nur der himmlischen Freude. Die mit der Hoffnung verschwisterte Freude ist Ausdruck christlicher Freiheit; sie ist die christliche Form der Weltbewältigung wie des rechten Umgangs mit den Problemen in der Kirche.

Gewöhnlich wird das beschriebene Phänomen des nachlassenden Eifers und des Überdrusses als acedia bezeichnet. Acedia ist ein spätlateinisches Wort, das dem griechischen Wort akedeia nachgebildet wurde, das wiederum von dem Adjektiv a-kêdos abgeleitet ist. Demnach heißt acedia Sorglosigkeit, Gleichgültigkeit, Trägheit. Der Mönchsvater Cassian definierte acedia als taedium sive anxietatem cordis, das heißt als Widerwillen oder auch Enge und Ängstlichkeit des Herzens. Ihr stellte Thomas von Aquin, ähnlich wie schon Paulus, die Freude als dilatatio cordis, als Weitwerden des Herzens, entgegen.

Niemand besitzt die wahre Freude, wenn er nicht in der Liebe ist.
Thomas von Aquin

Da es sich bei der acedia um ein komplexes Phänomen handelt, lohnt es sich, ähnliche Begriffe zu nennen: Traurigkeit, Faulheit, Müdigkeit, Apathie, Trägheit und Taubheit des Geistes, geistliche Lauheit und geistlicher Stumpfsinn. Verwandt sind: Niedergeschlagenheit, Melancholie, Schwermut, Weltschmerz. Und: Willensschwäche, Antriebslosigkeit, Mutlosigkeit, letztlich Verlust der Freude am Leben.

Nicht nur Ordensleute und Priester stehen in dieser Versuchung, sondern viele Weltchristen, die über manches Versagen in der Kirche erbost sind und sich zum Kirchenaustritt entscheiden. Überdruss findet sich auch bei solchen, die bleiben, aber in die innere Emigration gehen, weil sie mit reformerischen Entwicklungen unzufrieden sind oder weil die Kirche ihren Reformerwartungen nicht entspricht.

Acedia hat viele Gesichter. Wir würden uns freilich die Sache zu leicht machen, wollten wir nur mit dem Finger auf Einzelne zeigen. Alfred Delp, einer der Märtyrer des 20. Jahrhunderts, hat kurz vor seinem Tod mit gefesselten Händen eine Meditation zur Pfingstsequenz Veni, Sancte Spiritus geschrieben, in der er die Ermüdungserscheinungen der Kirche selbst anspricht. Konkret spricht er vom bürgerlichen Lebensstil und von der bürokratischen Gestalt der Kirche der Gegenwart.

Delp sieht eine Gefährdung darin, dass die materiellen Güter, die der Freiheitsermöglichung und Existenzsicherung dienen sollten, benützt werden, um sich an sie zu verlieren. "Das war dann die Erstarrung und der Kältetod: Der Bürgersinn für die größere Verantwortung starb, und übrig blieb der bürgerliche Hunger und Durst nach Wohlfahrt, Pflege, Ruhe, Bequemlichkeit, gesichertem Besitz." Ermüdung der Leidenschaft für Gott, Schwunglosigkeit und Dürre des Lebens in der Kirche seien die Folge.