Als die Darm-Expertin Giulia Enders kürzlich eine Ernährungswissenschaftlerin fragte, welche Ratschläge sie denn nach fast 30 Jahren Lebensmittelstudien selbst beherzige, bekam sie eine überraschende Antwort. Die Forscherin hatte nur einen einzigen Rat: gutes Wasser trinken. Das hat Enders nachdenklich gemacht. Über das Wasser, das wir jeden Tag trinken, gehen wir eine besonders enge Verbindung mit der Umwelt ein. Und unser Körper besteht schließlich zu 70 Prozent aus Wasser.

ZEIT Doctor: Wenn wir von Bakterien im Trinkwasser hören, denken wir an gefährliche Keime – die bei uns zum Glück ja selten ein Problem sind. Gibt es auch gute Bakterien im Wasser?

Giulia Enders: Im Wasser gibt es einige gute Mikroben, die wichtig sind, weil sie Schadstoffe wie Sulfat oder Nitrit abbauen. Solche Mikroben können auch für unsere Darmflora interessant sein, wenn sie dort entgiftend mitwirken. Flüssiges gelangt nämlich schneller in den Darm als feste Nahrung. Unser Essen wird länger im Magen festgehalten und ist dadurch eher der Magensäure ausgesetzt, die viele Mikroben sicherheitshalber abtötet. Beim Trinken geht dagegen alles rasch um die Ecke zum Dünndarm – inklusive der enthaltenen Bakterien.

ZEIT Doctor: Die rauschen einfach durch.

Enders: Ja, und das ist auch ein Grund, warum wir so eng mit der Region verbunden sind, in der wir leben. Das Wasser aus unserem Hahn kommt aus dem tiefen Erdboden unter uns oder – in gereinigter Form – aus den Flüssen der Umgebung. In unserem Wasser sind zwar ungefährlich wenige Bakterien, aber immerhin einige Arten, die es so nur da gibt, wo wir gerade leben.

ZEIT Doctor: Ist die Darmflora dadurch regional geprägt?

Enders: Zum Teil vermutlich schon. Um Bakterien aufzunehmen, müssen wir das Leitungswasser noch nicht mal trinken, es reicht, dass wir damit spülen oder einfach duschen und dabei einatmen. Das können gute Bakterien sein und manchmal weniger gute.

ZEIT Doctor: Wovon hängt es ab, ob sich in einer Region zu einem bestimmten Zeitpunkt eher gute oder schlechte Bakterien im Wasser befinden?

Enders: Zum Beispiel vom pH-Wert, von der Qualität unserer Böden oder davon, welcher Müll ins Wasser gelangt. In Deutschland ist ein großer Faktor auch die Massentierhaltung und Landwirtschaft im Nordwesten und Süden. Ein spannender Extremfall sind übrigens Erdbeben. Bei einem Erdbeben können große Hygieneprobleme auftreten, wenn die Kanalisation kaputtgeht oder die Toiletten überfluten. Es gibt aber noch einen anderen Effekt, den man zum Beispiel in Kathmandu beobachtet hat. Durch ein Beben kommen nämlich plötzlich andere Erdschichten hoch und geraten in Kontakt mit dem oberflächlichen Wasser. In Kathmandu hat man Proben genommen und festgestellt, dass da auch entgiftende Bakterien aus der Tiefe kamen und ins Wasser gelangt sind.

ZEIT Doctor: Wie eine Art Aufräumtrupp?

Enders: Sozusagen. Und acht Monate nach dem Beben, als alles sich regeneriert hatte, verschwanden diese Bakterien wieder. Da kam also etwas aus den tiefsten Tiefen der Erde, half ein bisschen, die Wunden zu heilen, und war wieder weg. Das hat fast schon etwas Mystisches.

ZEIT Doctor: Sind Bakterien auch der Grund dafür, dass Leitungswasser manchmal komisch schmeckt?

Enders: Na ja, vom Wasserwerk bis zur Haustür gelten in Deutschland strenge Regeln und Vorschriften – da ist der größte Geschmacksunterschied höchstens durch die Wasserhärte bedingt, also wie viel Kalzium und Magnesium aus den Gesteinsschichten mitkommt, durch die das Wasser fließt. Wer übrigens sehr hartes Wasser hat, kann oft schon den halben Tagesbedarf an Kalzium mit einem Liter Wasser decken. Aber zurück zu den Bakterien. Es gibt dazu eine Informationsbroschüre vom Umweltbundesamt. Da steht drin, dass man zum Trinken oder um Essen zuzubereiten, lieber das Wasser aus der kalten Leitung nehmen sollte. Und falls der Hahn in den letzten vier Stunden nicht aufgedreht wurde, sollte man das Wasser vier Sekunden lang laufen lassen, bis es sich ein bisschen kühler anfühlt. Unsere Wassernetze arbeiten nämlich mit Temperaturen von unter 20 Grad, damit sich Bakterien nicht unkontrolliert vermehren können. Wenn das Wasser dann aber im warmen Häuschen in der Leitung steht, ändert sich das. Andersherum ist es allerdings beim Warmwasser in den Leitungen, das sollte heiß sein. Wer hier am falschen Ende spart und es konstant unter 55 Grad hält, züchtet darin eventuell Legionellen oder Pseudomonaden. Diese Bakterienarten stehen auf solche Jacuzzi-Temperaturen, und die sind definitiv uncool – vor allem für Kinder und Ältere.