Rita Fuhrer

Sie war die erste SVP-Frau in der Zürcher Regierung. Weil sie Lust auf das Amt hatte

Das Schlimmste in diesem Moment war, dass ich glaubte, meine politischen Gegner würden recht bekommen: Ich war schwach und konnte nicht mehr weitermachen. Natürlich nicht, weil ich überfordert war. Ich war krank und konnte nichts dafür. Aber ich fürchtete mich vor dem Bild, das bleibt." Das sagt Rita Fuhrer über das letzte Jahr ihrer politischen Karriere, das Jahr 2009.

Die damalige Zürcher SVP-Regierungsrätin war im Frühling an einer Lungenentzündung erkrankt. Wenige Monate später hat sie sich bei einem Velounfall mehrere Rippen gebrochen, ihre Lunge war verletzt. Ihr Körper brauchte Erholung, ihr Amt sie, hundert Prozent. Fuhrer entschied, im Frühjahr 2010 zurückzutreten. Doch dann, im Dezember, diagnostizierten die Ärzte bei ihr Brustkrebs. Sie wurde sofort operiert.

Nun sitzt Rita Fuhrer, 65, in der Konditorei Sprüngli am Zürcher Paradeplatz. Gesund. Eigentlich macht sie gerade Ferien in Davos, aber an diesem Donnerstag Ende Februar hat sie eine Vorstandssitzung an der Universitätsklinik Balgrist. Fuhrer präsidiert den Trägerverein. "Die Arbeit ist sehr spannend", sagt sie. "Das Gesundheitswesen hat mich immer interessiert, als Regierungsrätin hätte ich gerne dieses Departement übernommen."

Fuhrer war acht Jahre Volkswirtschaftsdirektorin, zuvor leitete sie acht Jahre die Militär- und Polizeidirektion. Es war damals nicht ihr Wunsch, aber ihre Kollegen wollten, dass die Sicherheit in bürgerlicher Hand bleibt. Der Entscheid fiel nach ihrer Wahl, im Frühjahr 1995.

Die Monate davor erlebte Fuhrer als "harten Kampf". Er begann mit der Nomination. Fuhrer war, neben sechs Männern, die einzige Kandidatin der Schweizerischen Volkspartei (SVP). "Ich hatte Lust auf das Amt. Und ich wollte nicht, dass es immer heißt: Wir würden gerne eine Frau aufstellen, aber es will keine. Ich wollte, und das war damals bei den Bürgerlichen neu."

Sie präsentierte sich der Kantonalpartei. Ihr Auftritt war überzeugend. Das sagte ihr der Präsident der Kommission, die das Assessment durchführte. Aber er sagte auch: "Ihr jüngster Sohn ist erst 14, er braucht Sie. Kommen Sie in vier Jahren wieder." Rita Fuhrer antwortete: "Ich habe meinen Sohn lange gestillt, aber jetzt ist es nicht mehr nötig."

Sie entschied, sich den Delegierten vorzustellen. Aus Prinzip. Und wurde, wider Erwarten, zur Kandidatin gewählt. Sie, Anfang 40, Mutter dreier Söhne, erst seit drei Jahren im Kantonsrat, ohne Studium, ohne herkömmliche Karriere, ohne Führungs-, dafür mit viel Lebenserfahrung.

Mit 18 war Fuhrer zum ersten Mal schwanger geworden. Ihr heutiger Mann war noch in der Ausbildung. Fuhrer, die zuvor die Frauenarbeitsschule in St. Gallen besucht hatte, übernahm die Leitung einer Krankenkassenagentur, um Geld zu verdienen. Sie nahm zwei Pflegekinder bei sich auf und erzog ihr eigenes Kind. Und: Sie trat den Liberalen bei.

"Was mich an den Linken störte, war die Idee, dass man ohne besondere Leistungen ein gutes Leben führen soll. Ich kannte das nicht, dass der Staat sich um mich kümmert. Im Gegenteil, ich musste für mich kämpfen."

Fuhrer sagt, sie sei immer ein politischer Mensch gewesen. Ihr Vater war in der CVP, mit ihm diskutierte sie als Kind über Politik, obwohl die Mutter sagte, das sei "nichts für Mädchen".

"Für mich war klar, dass ich in der Partei ein Amt übernehme. Ich traute mir das zu. Politik organisiert das Zusammenleben, das interessierte mich. Aber gerade als sich die Liberalen in Beckenried, wo wir damals lebten, für mich als Gemeinderätin interessierten, zogen wir von der Innerschweiz nach Zürich."

An ihrem neuen Wohnort, in Pfäffikon, trat sie der SVP bei und ließ sich in die Schulpflege wählen. Als die Partei Kandidaten für den Kantonsrat suchte, sagte Fuhrer zu. Die Parteikollegen setzten sie auf den zweiten Platz der Liste. "Ich wusste, dass dieser Kandidat am häufigsten gestrichen wird, zugunsten des Ersten auf der Liste. Mir war klar: Jetzt muss ich kämpfen." Fuhrer wurde Dritte und rückte 1992 für einen Kollegen in den Kantonsrat nach. So begann ihre politische Karriere – und damit eine Zeit, in der sie oft unterschätzt wurde. "Als Frau in der Politik erlebte ich eine Beweislastumkehr. Bei den Männern ging man davon aus, dass sie das können. Bei mir, dass ich es nicht kann. Ich war oft mit Vorurteilen konfrontiert. Manche Männer, die anderer Meinung waren, sagten: Du bist doch so eine Hübsche und jetzt willst du wirklich so entscheiden?"

Über ihren Wahlkampf um einen Regierungsratssitz sagt sie: "Ich hatte drei Nachteile: Ich war eine Frau, blond und in der SVP." In der NZZ schrieb eine Journalistin, der Kandidatin erwachse "ein Selbstbewusstsein, das angesichts ihres bescheidenen Schulrucksacks und ihrer begrenzten politischen Erfahrung erst einmal verblüfft". Die Linken, sagt Fuhrer, hätten sie als "dummes SVP-Blondchen" belächelt.

Ihre Gegnerinnen waren die Grüne Verena Diener und die Sozialdemokratin Vreni Müller-Hemmi. Die Westschweizer Zeitschrift L’Hebdo titelte: "Trois mamans pour deux fauteuils". Nach der gewonnenen Wahl fragte die Glückspost Fuhrer und Diener, die "Politmütter von Zürich", was sie vom Muttertag halten würden und ob durch ihr neues Engagement die Familie nicht zu kurz komme. Ihre neue Aufgabe kam wenig zur Sprache.

Kaum im Amt, entließ Rita Fuhrer den Polizeikommandanten. Sie begründete den Entscheid damit, dass er Kompetenzen überschritten habe, seine Arbeit intransparent und das Vertrauensverhältnis gestört sei. Später erzählte sie dem Tages-Anzeiger, wie schwer ihr dieser Entscheid gefallen sei. Der Mann habe "Macht verkörpert". Er sei nicht nur in der FDP, sondern auch im Militär verankert gewesen. Dieses Netzwerk habe ihr gefehlt.

Die Polizeiaffäre brachte ihr den Respekt von Politikern und Journalisten ein. Von nun an war sie "selbstbewusst", ein "politisches Naturtalent", "instinktsicher" oder einfach "lovely Rita".

Wenn Fuhrer allerdings eine harte Linie in der Asylpolitik vertrat oder später, nachdem sie die Volkswirtschaftsdirektion übernommen hatte, im Fluglärmstreit nicht weiterkam, wenn sie heikle Personalentscheide fällte und unnachgiebig oder unsympathisch wirkte, kippte die Stimmung, und sie wurde zum "eisernen Schmetterling", aus Geradlinigkeit wurde Sturheit und schließlich, als sie 2000 als Nachfolgerin von Adolf Ogi für den Bundesrat kandidierte und nicht gewählt wurde, zu "Blochers Märtyrerin".

Bereuen tut sie die Bundesratskandidatur aber nicht. "Es war eine schöne Zeit. Ich wurde ernst genommen und habe viel Zuspruch erhalten. Auch wenn meine Chancen gering waren und manche Parteimitglieder mir davon abgeraten haben, bin ich sehr froh, dass ich es versucht habe. Ich wollte das Amt. Und ich wollte noch einmal zeigen: Es gibt Frauen, die wollen."