Belmondo

Am nächsten Morgen steht Belmondo neben mir. Er lacht im Licht der aufsteigenden Sonne. Ich hatte mich an der Place de France ins Gran Café de Paris gesetzt, Café con leche im Glas mit vier großen Würfeln Zucker auf dem Unterteller, da kam dieser mittelgroße Mann mit weißem Haar, großem Mund, breitem Lächeln und einer eleganten Madame an der Seite auf meinen Tischnachbarn zu und parlierte in schnellem, lautem Französisch. Eigentlich kann es nicht Belmondo sein, dachte ich noch, die Stimme ist zu hoch, aber es wäre natürlich keine Überraschung, würde auch Belmondo in Tanger sein. Nichts ist in Tanger eine Überraschung. Alles scheint möglich in dieser Stadt, weil immer schon alles möglich war. Vor 50 Jahren hätte der amerikanische Schriftsteller Paul Bowles hier gesessen, wäre der dauerbekiffte William S. Burroughs auf der Suche nach hübschen Schuhputzerjungen den Boulevard entlanggeschlichen, hätte der melancholische Beat-Beau Jack Kerouac unten im Meer gebadet. Sie alle lebten, lachten und litten in Tanger, Wochen, Jahre, Jahrzehnte.

Die Erscheinung, die nicht Belmondo ist, trägt eine weiß gepunktete blaue Hose, einen lilafarbenen Schal und heißt Robert. Mein Belmondo ist das Ergebnis eines Tagtraums in der maghrebinischen Sonne. 19 Grad im Winter erhitzen die Fantasie in einer Stadt, in der es bis heute Dämonen und Geister geben soll. Wer das nicht glaubt, wird trotzdem selig und macht sich wie ich auf die Suche nach dem doppelten Licht Tangers, seinem inneren und äußeren Leuchten. Die Mittagssonne fällt jetzt schräg in die Rue de la Liberté und belichtet eine Stadt, deren inneres Sonnensystem nur in Fragmenten zu ermessen ist.

Verabredung

Am nächsten Morgen stehen plötzlich Pferde an der Corniche, eine Frau trabt den Strand entlang, und in den ersten Stunden wird klar: In Tanger gibt es keine Esel mehr. In meiner Vorstellung laufen sie mit Gewürzsäcken beladen durch die Altstadt, klick, klack, klick, klack, getrieben von Jungs mit Gerten, manchmal ein Blöken oder Quietschen.

Klack, klack macht es hier nur, wenn ein Schuhputzer sein Glück an den Tischen der Cafés versucht und mit der Bürste gegen den Holzkasten schlägt. Nach abschwingender Biegung mündet die Rue de la Liberté in den palmengesäumten Grand Socco, von dort aus geht es durchs hufförmige Alstadttor hinunter zum Petit Socco, dem Zoco Chico, dem "kleinen Marktplatz" inmitten der Medina, wo einst das Forum der römischen Stadt Tingis zu finden war.

Lederhändler, Schuhmacher, Topfverkäufer sind da, die Häuser ockerfarben verputzt oder weiß getüncht mit blauem, rotem oder grünem Sockel, manche Wände gekachelt, manche mit Blumentöpfen in gusseiserner Halterung. Die Läden der Juweliere, von tausendfachem Glitzern erleuchtet, sind nicht größer als eine Besenkammer und die Shops der Allesverkäufer randvoll bis unters Dach. Erker schlucken das Licht, und irgendwo fegt immer ein Besen. Zwei fauchende, sich fast zu Tode beißende Katzen rutschen die blank gewischten Gassenplatten direkt über meine Schuhe hinweg, ein blutendes Knäuel Kreatur, das sich um einen deutschen Sonnensucher kein bisschen schert. Fliegende Händler preisen Mandelkuchen in Schubkarren oder Sockenpaare, und die unerbetene Kontaktfreudigkeit eines lokalen Drogenhändlers gipfelt im geflüsterten "Amigo, Cocaine?".

Im Café Central sitzende junge Männer schweigen und rauchen und lassen die Zeit fließen, bis irgendwo einer ruft: der Mofafahrer, der Gebäckhändler oder jener Spaßvogel, der, von allen ignoriert, mit vier Keulen vor sich hin jongliert. Ein Junge trägt Süßgebäck auf diskusgleichen Blechen, der blonde Hippie in Birkenstocks schlurft wieder umher, Bettler betteln mittels Augenaufschlag, die Alten trinken Minztee und verfolgen auf kleinen Bildschirmen die Pleite des FC Barcelona, und dann gellt ein Schrei.

Und ein zweiter. Hände greifen, schlagen, drücken, es geht um Ehre, und kurzerhand sind es nicht acht Hände, sondern 20, schwer zu sagen, wer da wen greift und schlägt, nicht einmal die Polizisten vermögen eine offenbar verletzte Ehre zu sühnen. Da ruft der Muezzin zum letzten Mal an diesem Tag, ohne großen Eifer, eher geschäftsmäßig als missionarisch, und für einen Moment verstummen alle Schreihälse in Ehrfurcht, inschallah, so Gott will, als gäbe es hier eine von allen eingehaltene Verabredung, die niemals von jemandem geschlossen wurde.