Im Süden der Atlantische Ozean. Im Norden die Lagune. Im Osten der Garten Allahs – ein Park entlang des Kanals, der die Lagune mit dem Meer verbindet. Im Westen der Teufelsstrand mit seinen hohen Wellen und die Felsen des Arpoador, die in den Atlantik hineinragen. Das sind die Umrisse von Ipanema. Ipanema ist ein Stadtteil von Rio de Janeiro – wobei das zu banal klingt, Stadtteil. Ein Stadtteil ist Bornum in Hannover, begrenzt durch die B 65 im Süden, eine Güterumgehungsbahn im Norden, die Straße "Am Tönniesberg" im Osten (der Tönniesberg ist 77 Meter hoch) und die Bahnstrecke Hannover–Altenbeken im Westen. (Altenbeken ist bei Paderborn.)

Mal angenommen, jemand aus Bornum in Hannover macht sich auf den Weg nach Ipanema, steckt seinen Hals in den Kragen, den Kopf in die Kapuze und fährt zum Flughafen.

Fensterplatz: Die Regentropfen schieben sich wie dicke Raupen von oben nach unten.

Das Flugzeug beschleunigt. Die Tropfen schießen waagrecht übers Fenster.

Das Flugzeug hebt ab. Eine Welle Regenwasser fließt von der Flugzeugnase zum Heck, man fliegt, ins Trockene. "O sol nos espera", sagt dann noch einer, es sind ja viele Brasilianer dabei: Die Sonne wartet auf uns.

Angekommen in Ipanema. Man sieht nichts, so hell ist es.

In Ipanema scheint das ganze Jahr die Sonne. In Ipanema galoppieren die Wellen. In Ipanema trägt man den Bikini drunter – wer weiß, vielleicht schafft man es zwischendurch an den Strand. In Ipanema sieht man die weichen, grünen Hügel von Rio, die so schön sind, es ist ein Skandal. Auf einem steht Jesus mit geöffneten Armen.

In Ipanema sitzt man in einer Bar und beobachtet ein Mädchen, vielleicht kommt es gerade vom Strand, oder geht es dorthin? Man schreibt ein Lied darüber und erobert die Welt. Olha que coisa mais linda.

Ipanema, das sind drei Quadratkilometer Land. Selten oder nie fährt man hin und will doch eigentlich hier leben.

Frühmorgens reißt die Sonne die Decke aus Wolken und Nebel herunter, die nachts über der Stadt gelegen hat. Sie erhitzt die Straßen, die Körper, den Sand. Sie nimmt keine Rücksicht auf deutsche Winterhaut: Nur die Falten um die Augen herum, vom Zukneifen, lässt sie frei, weiße Linien bleiben im geröteten Gesicht – jemand aus Hannover sieht dann aus wie ein Tiger.

Wer in Rio lebt und Zeit hat, geht vor der Arbeit an den Strand. Ein Mann um die 40 leint den Pudel an eine Palme, macht ein paar Klimmzüge, fädelt sich zwischen die Stangen, die nur dafür da sind, seine Sit-ups zu stützen, kühlt sich im Meer, trocknet sich ab und verschwindet hinein in die Stadt. Denen, die bleiben dürfen, den ganzen Tag, wünscht er "Boa praia!", einen guten Strand. Vielleicht, weil ein guter Strand ganz von selbst zu einem guten Tag wird.

Die Büroarbeiter gehen, andere Arbeiter kommen und bieten an: Caipirinha, Caipivodka, zwei Arten Eis – Picolé (Eis am Stiel) und Sacolé (Eis im Plastikbeutel) – gegrillten Käse, gefüllte Pasteten, Sonnenbrillen, Hüte, Kokosnusswasser, Henna-Tattoos.

Wie die Zeit vergeht, Welle für Welle, nicht Minute für Minute. Die Rufe der Strandverkäufer wiederholen sich, "Caipirinha, Caipivodka, Picolé, Sacolé!" Und dennoch: Es wird nicht langweilig, wenn man aufs Meer blickt. Wetter und Zeit, im Portugiesischen gibt es für beides nur ein Wort: tempo. Eine ununterbrochene und ewige Abfolge von Augenblicken, sagt das Wörterbuch, und so fühlt es sich auch an. Ein schäumendes Jetzt.

Spätestens mittags spannt jemand aus Hannover den Sonnenschirm auf, sonst spannt sie, die Haut.

Nachmittags, Dunst hängt über dem Strand, klebt zwischen den Körpern. Drei aufgepumpte, eingeölte junge Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen legen sich lieber nicht hin, sie wollen gleichmäßig braun werden. Die dicken Arme, wie in Schwimmpuffern, stehen vom Körper ab.