Österreich hat es eigentlich nicht so mit der direkten Demokratie. Erst zwei bundesweite Volksabstimmungen wurden bislang durchgeführt. Aber immer mal wieder wird ein sogenanntes Volksbegehren lanciert: Wer mehr als 100.000 Unterschriften zusammenbekommt, dessen Anliegen muss das Parlament behandeln.

Deshalb wird sich der Nationalrat in Wien bald mit der Forderung nach kostenloser Kinderbetreuung, voller Lohntransparenz, der Kostenübernahme von Verhütungsmitteln und Schwangerschaftsabbrüchen durch die Krankenkassen sowie der schrittweisen Einführung der 30-Stunden-Woche befassen müssen.

Kurzum, mit dem zweiten Frauenvolksbegehren in der Geschichte der Republik.

Bereits 200.000 Unterschriften haben die Initianten in wenigen Wochen gesammelt; in einem Land, das ähnlich viele Einwohner wie die Schweiz hat. Denn das Volksbegehren kommt genau zur richtigen Zeit.

Da ist zum einen die rechtskonservative Regierung. Kein Minister, keine Ministerin wird das Volksbegehren unterschreiben. Weitreichende frauenpolitische Maßnahmen sucht man im neuen Koalitionsvertrag vergeblich. Dafür wird zum Beispiel ein Familienbonus eingeführt, der geringverdienende Eltern steuerlich weniger entlastet als bessergestellte. Und wer Sozialhilfe bezieht, der geht leer aus – arbeitslose Alleinerziehende etwa. Selbst die Kurzarbeitswoche wird von vielen unterstützt, kein Wunder bei einer Regierung, die von einer 60-Stunden-Woche träumt.

Da sind zum anderen die nackten Zahlen. Egal, welche Statistik man heranzieht: In Österreich sind die Frauen nur Bürger zweiter Klasse. Im Gender-Report des World Economic Forum liegt das Land auf Rang 57, die Schweiz auf Rang 21, Deutschland auf Rang 12. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern ist in Österreich bedeutend höher als in den beiden Nachbarländern. Frauen arbeiten mehr Teilzeit und öfter in prekären Verhältnissen.

Gerade auf dem Land, wo die politische Macht der Republik zu Hause ist, dominiert nach wie vor ein traditionelles Rollen- verständnis, und die außerfamiliäre Kinder- betreuung ist oft nur spärlich ausgebaut. Sie gilt noch immer als Müttersache.

Schon vor zwanzig Jahren forderte ein Frauenvolksbegehren mehr Gleichstellung. Auch damals war es ein Erfolg: 644.000 Leute unterschrieben. Geändert hat sich wenig. Zwar sind Frauen in Österreich mittlerweile besser ausgebildet als Männer, in Führungsetagen aber bleiben sie Exotinnen. Die Zahl der erwerbstätigen Frauen ist gestiegen, doch fast die Hälfte arbeitet Teilzeit.

Deshalb dieser zweite Anlauf, deshalb diese Maximalforderung; selbst die Initiantinnen wissen, wie radikal ihre Ideen sind. Aber sie wissen auch: Bundeskanzler Sebastian Kurz und seine Minister werden das Begehren so gut es geht ignorieren, also muss die Sache raus – unter die Leute, unter das Volk. Es geht, zumindest, um die Debatte.

Hören Sie mehr über das Frauenvolksbegehren in Österreich in der neuesten Folge des Podcasts "Servus. Grüezi. Hallo."