Die Schriftstellerin Monika Maron hat auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise kundgetan, es sei "unlauter", die ostdeutschen Flüchtlinge von ehedem mit den muslimischen Flüchtlingen von heute zu vergleichen. Genau das finde ich ganz und gar nicht. Selbstredend sind die Umstände unvergleichbar. Aber die Flucht als existenzieller Akt unterscheidet sich nicht im Mindesten – auch wenn die Ostdeutschen von Deutschland nach Deutschland flohen. Wer den Vergleich nicht ziehen will, der hält sich entweder qua Nationalität für etwas Besseres. Oder er will sich gegen die intellektuellen, politischen und moralischen Konsequenzen imprägnieren, die es notgedrungen hat, wenn man zwischen dem Flüchtling aus Bautzen und dem aus Homs keine substanzielle Differenz erkennt.

Nebenbei bemerkt treibt es mich in den Wahnsinn, dass der verordnete DDR-Antifaschismus viele einstige DDR-Bürger gegen jede Form des Antifaschismus ein für alle Mal immunisiert zu haben scheint. Unlängst debattierte ich mit zwei Ostdeutschen, die meinten, die (westdeutsche) Political Correctness von 2018 sei vergleichbar mit dem Staatsbürgerkundeunterricht von vor 1989. Spätestens in dem Augenblick wusste ich, dass Debatten keinen Sinn mehr haben.

Außer Trauer und Entsetzen ist da noch Angst. Denn der ostdeutsche Rechtsruck ist ja längst Teil eines polnischen, tschechischen, slowakischen und ungarischen Rechtsrucks. Er verbindet sich neuerdings mit einem scheinbar immerwährenden österreichischen Rechtsruck und droht die Europäische Union zu zersetzen, wie sie mir lieb und teuer geworden ist: als weltoffene Wertegemeinschaft. Der nach dem Mauerfall so europabegeisterte Osten ist unverändert ärmer. Politisch allerdings ist er in den vergangenen Jahren so mächtig geworden, dass er Europa in seinem Sinne zu prägen beginnt. Es geschieht das, was meine Freunde 1989 befürchteten – nicht allein in Deutschland, sondern auf dem gesamten alten Kontinent. Ein Vierteljahrhundert nachdem er sie eingerissen hat, baut der Osten neue Mauern. Es ist zum Verrücktwerden.

So empfing Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff in Wittenberg, wo ich sieben Jahre lang gern gelebt hatte, kürzlich Viktor Orbán, Ungarns Ministerpräsidenten. Ich kenne Haseloff seit bald 24 Jahren und habe ihn einst geschätzt; wir wohnten in derselben Straße. Ebenfalls in Wittenberg war ich vor zwei Jahren auf ein Podium geladen, um über das Thema "Lügenpresse" zu sprechen. Die meisten Frager wollten von mir eine Art Eingeständnis, dass Migranten an allem schuld seien. Eine sachliche Diskussion war kaum möglich. In Brandenburg will der CDU-Landesvorsitzende nach der Landtagswahl mit der AfD reden. In Sachsen-Anhalt richten CDU und AfD eine Kommission zur Untersuchung des Linksextremismus ein – obwohl es dort dreimal mehr Rechtsextremisten gibt. In Thüringen lehnten CDU und AfD gemeinsam einen Hilfsfonds für Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds ab, wenngleich der in Thüringen seinen Ursprung hat. In der Sächsischen Schweiz, wo die AfD zuletzt 37 Prozent der Stimmen bekam, grölen Handwerker, wenn ein gewisser Herr Poggenburg gegen mutmaßliche türkische "Kameltreiber" zu Felde zieht.

Seit einiger Zeit lebe ich in Berlin. Es fiele mir schwer, heute wieder nach Wittenberg zu ziehen. Und eine Stelle in Sachsen – nein, die würde ich kaum antreten. Ich bin jetzt wieder der "Wessi", der ich vor meinem Umzug 1992 war. Mein 25-jähriges Jubiläum als "Wossi" hat daran nichts ändern können. Heimat ist schließlich da, wo man verstanden wird und seine Mitmenschen versteht. Ich habe mich vom Osten wieder entheimatet und er sich von mir. Das ist traurig.

Ein Freund aus Nordrhein-Westfalen schrieb mir kürzlich mit Blick auf Polen und Ungarn sowie ihre Weigerung, Asylsuchende aufzunehmen, man könne diese Osteuropäer nun mal "nicht umerziehen". Dann mahnte er mich in bester Absicht: "Und nicht so viel BRD-Nostalgie. Die hatte auch ihre Schattenseiten." Ja, der Freund hat das gut erkannt. Ich, 53 mittlerweile, bin zum "Westalgiker" geworden. Wenn es nicht zuweilen schmerzhaft wäre, würde ich sagen: Ich bin es gern.