Hass kann eine Kunst sein, und zwar nicht etwa indirekt als Initialzündung für bedeutende Werke, sondern als ganz direkte, unverfälschte Form. In unseren vertrollten Zeiten darf man freilich das altehrwürdige Genre des Hasses nicht mit den alltäglichen Schmutzkommentaren im Internet verwechseln; diese haben traurigerweise das Ansehen des Hasses als Sprachkunst wahrscheinlich dauerhaft demoliert.

Grund genug, mal wieder den Großmeister des Hasses zu genießen: Der österreichische Dramatiker und Schriftsteller Thomas Bernhard (1931–1989) brillierte darin zeitlebens, weil er seinen archaischen Impuls sprachlich kultivierte, ohne ihn zu domestizieren. Und komisch war das immer, wie jetzt Peter Simonischek und Michael König vorführen: Sie lesen Bernhards Städtebeschimpfungen, ein vor zwei Jahren erschienenes Buch, das, alphabetisch geordnet von "Altaussee" bis "Wien", die wüsten Attacken Bernhards auf alle möglichen Orte aus seinen Werken, Briefen, Reden versammelte. Simonischek macht das furios: Wie er das P in "Passau" verächtlich ausstößt, wie er "nichts als Nazi-Nester" wütend rattert, wie er mit "Scheeeeeeel" voller Widerwillen den Namen des damaligen deutschen Bundespräsidenten endlos dehnt – alles ein großer interpretatorischer Spaß. Michael König hat hingegen den etwas undankbaren Part, vor allem Dokumente von damals, Zeitungsartikel, Briefe, über die legendären Bernhard-Skandale von Augsburg bis München vorzustellen. Sinnvollerweise nimmt er sich dabei zurück und lässt die Erdbeben von einst geschickt nachzittern. Zusammen bilden Simonischek und König ein fulminantes Bernhard-Duett während dieser dreistündigen Städtevernichtungsorgie.

Österreich ist natürlich eine besondere Zielscheibe Bernhards, denn: "Die schönsten Gegenden Österreichs haben immer die meisten Nazis angezogen." Salzburg ist ein "stumpfsinniges Provinznest mit dummen Menschen und kalten Mauern", Wien "ein von Europa und der ganzen Welt liegengelassener Friedhof", eine "fürchterliche Genievernichtungsmaschine", überhaupt: "Wien ist mir verhaßt." Viele Sentenzen Bernhards haben längst Klassikerstatus, doch in dieser Aufnahme erlebt man ihre geballte rhetorische Wucht.

Bernhards Beschimpfungskaskaden gelten aber auch Deutschland und Europa. Augsburg, "das muffige, verabscheuungswürdige Nest", trifft es ebenso wie Bremen ("eine kleinbürgerliche, unzumutbar sterile Stadt") und andere Orte: "Ein Jahr Ludwigshafen, das erniedrigte dich. Das hätte dich beinahe den Kopf gekostet." Und den Metropolen ergeht es nicht besser. Neapel ("allertiefste Provinz") zum Beispiel ("Der Blick auf den Vesuv ist für mich eine Katastrophe"), in Skandinavien ("Stockholm, was für eine öde Stadt, ganz zu schweigen von Oslo: enervierend, nervenzerstörend") oder an der Seine: "Für mich war Paris immer die hässlichste Stadt, die ich kenne. Eine verstaubte Wüste." Er weiß es selbst: "Ich gehöre zu den Menschen, die im Grunde keinen Ort der Welt aushalten."

All diese oft so komisch wirkenden Tiraden haben eine tiefere Ursache, die Simonischek und König in ihrer Interpretation nicht verbergen: Bernhards existenzielle Verzweiflung über das menschliche Dasein. Denn er wusste es schließlich genau: "Harmonie ist immer und überall Irrtum."

Thomas Bernhard: "Städtebeschimpfungen"; Gelesen v. P. Simonischek u. M. König; Hörverlag, München 2018; 3 CDs, 180 Min., 18,– €