Aus heutiger Sicht mag es befremdlich erscheinen, dass das österreichische Silicon Valley einmal im Pinzgau beheimatet war. Damals, in der Steinzeit des digitalen Zeitalters, also vor nicht einmal 40 Jahren, saß ein junger Schlacks nach Büroschluss der väterlichen Steuerberatungskanzlei in Zell am See vor einem elektronischen Ungetüm und fütterte den kühlschrankgroßen Computer mit immer neuen Codes. Mit 15 Jahren hatte der Gymnasiast bereits eine deutsche Programmiersprache ausgetüftelt, und wenige Jahre später gründete der Autodidakt ein Start-up-Unternehmen (wie man das jetzt nennt), das sich auf die Entwicklung von Antiviren-Software spezialisierte. Parallel zu seinem Jusstudium in Salzburg verbrachte er die Wochenenden damit, immer weiter in die rätselhaften Territorien der Bits und Bytes vorzudringen – eine abenteuerliche Expedition ins Unbekannte, die ihn bis heute zu neuen Entdeckungen führt. Wo die Reise eines Tages enden könnte, darüber kann auch dieser Pionier der datengetriebenen Neuerfindung der Welt keine eindeutige Auskunft geben.

"Wir stehen vor einer potenziellen Zeitwende", sagt Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger, der am Internet-Institut der englischen Elite-Universität lehrt. Daten haben die Menschheit fest in ihren Griff genommen. Unablässig sammeln unzählige Elektronikgehirne Unmengen an Informationen, speichern und bündeln sie und errechnen daraus immer neue Korrelationen und Zusammenhänge, die zu konkreten Handlungsanweisungen in allen Bereichen des modernen Lebens führen. Die Revolution der unvorstellbar großen Datenmengen, also das, was man gemeinhin Big Data nennt, werden die Welt, wie man sie heute kennt, auf den Kopf stellen, davon ist Mayer-Schönberger überzeugt. Als Jurist hatte er sich, zunächst in Salzburg, Graz und Wien, in späteren Jahren auch an der amerikanischen Harvard University, auf Informationsrecht spezialisiert, mittlerweile ist der heute 52-Jährige längst zum Zukunftsforscher mutiert, der ein Bild jener Umwälzungen entwerfen will, die von der Datenrevolution ausgelöst werden.

Als würde der Traum des Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts in Erfüllung gehen

Fest steht, prognostiziert Mayer-Schönberger, "dass die Veränderungen durch Big Data so tief greifend sein werden wie jene, die durch Gutenberg und die Druckerpresse ausgelöst wurden. Ideengeschichtlich gesehen, ist das die Aufklärung 2.0." Es gehe darum, die Welt möglichst objektiv zu erfassen, aus der verwirrenden Vielzahl an Phänomenen eindeutige Korrelationsmuster zu destillieren, die zu neuen Erkenntnissen und in der Folge zu neuen Verhaltensregeln führen. Es ist, als würde der Traum des Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts in Erfüllung gehen, ein allumfassendes Abbild der Welt erstehen zu lassen, was auch die Erkenntnistheorie der Moderne beflügelte. Wenn die Welt alles ist, was der Fall ist, wie Wittgenstein postulierte, dann ist nun das logische Denken, das bisherige Instrument, um zu Erkenntnissen zu gelangen, abgelöst worden von Algorithmen, Programmen, welche die Rechenschritte in den Datenminen steuern, aus denen Wissensbausteine zutage gefördert werden. Diese digitalen Befehlsketten perfektionieren sich mittlerweile selbsttätig und passen sich in einem evolutionären Prozess dem Erkenntnisfortschritt an.

Der Hunger nach Information ist zwar so alt wie die Menschheit selbst, doch der technologische Fortschritt hat zu einem Paradigmenwechsel geführt. Früher habe man versucht, aus möglichst wenig Daten, die zu sammeln kostspielig und zeitaufwendig war, möglichst große Einsicht zu gewinnen. Mit dieser herkömmlichen Methode, erklärt Mayer-Schönberger, könne man aber nur Fragen beantworten, die man schon kenne und von denen man nicht wisse, ob sie die richtigen sind. "Big Data dreht diese Vorgehensweise um: Man versucht, in den Daten korrelative Muster zu erkennen, die Hinweise geben auf neue Fragen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie stellen soll."

Simples Marketing und Sozialklemptnerei

Es ist ein scheinbar endloser Lernprozess. Er führt dazu, dass gesellschaftliche Realitäten in einer Art permanenten Revolution umgestoßen werden. Die kalte Logik der Denkmaschinen übernimmt das Kommando über immer mehr Lebensbereiche, ersetzt zunehmend unzulängliches menschliches Handeln und verwandelt den Einzelnen in ein prognostizierbares Wesen. Die Anwendungsmöglichkeiten reichen vom simplen Marketing bis hin zur Sozialklempnerei. In Zürich und Bonn errechnen die Computer in Echtzeit Viertel, in denen die Gefahr vermehrter Einbrüche besteht, in Chicago sogar, welcher Bewohner demnächst die Gesetze brechen könnte. In einer datengesteuerten Welt entsteht eine gnadenlos an Perfektion orientierte Wirklichkeit, die in absehbarer Zeit den Menschen selbst überflüssig machen könnte.

Der Wunsch, den menschlichen Makel auszumerzen, ist vorläufig noch eine ferne Fantasie – auch weil sich, wie Mayer-Schönberger meint, zu viele Menschen der Empirik verschließen und lieber auf ihre persönlichen Glaubenssysteme vertrauen. Als der Digitalforscher vor fünf Jahren in seinem Buch Big Data das Phänomen der Denkmaschinen beschrieb, stieß er aber auf weltweites Interesse. Das Buch wurde in 20 Sprachen übersetzt, stand in den USA monatelang auf der Bestsellerliste, und allein in China wurden zwei Millionen Exemplare davon verkauft. Wohl auch deshalb, weil sich der Minister für Telekommunikation die Druckfahnen der englischen Ausgabe besorgt hatte und die Lektüre seinen Beamten ans Herz legte. Ein chinesischer Blogger, der mit der Nomenklatura gut vertraut ist, erklärte dem Oxford-Professor, warum Big Data im Reich der Mitte auf so großes Interesse stößt. Eine technokratische Schicht innerhalb der KP habe erkannt, dass die Führung vermehrt Entscheidungen auf der Basis von Fakten fällen müsse, soll das Land nicht gegen die Wand fahren. "Und das ist das Wesen von Big Data", sagt Mayer-Schönberger: "Eine Versachlichung der Welt."

Gegenwärtig beschäftigt den Erforscher der digitalen Zukunft der Einfluss, den datengetriebene Informationssysteme auf die Struktur der Wirtschaft haben werden. Wenig verblüffend prophezeit er das Ende des Finanzkapitalismus, der über Jahrhunderte Handel und Wandel bestimmt hat. Big Data stürzt Marx vom Sockel: Das Eigentum der Produktionsmittel zähle wenig im Vergleich zur Verfügbarkeit von Informationen, erklärt er in seinem raffiniert verschachtelten Haus am Westufer des Zeller Sees. In Oxford verbringt er so wenig Zeit wie möglich. Zwei Jahre versuchte er vergeblich, sich mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in der englischen Universitätsstadt einzuleben. Dann zog die Familie zurück in seine Heimatstadt, und er pendelt nun lieber jede Woche an seine Arbeitsstätte.