Den elegant gekleideten Redner, der eigens aus München angereist ist, würden heutige Kommentatoren vermutlich als "Gutmenschen" bezeichnen. In geschliffenen Formulierungen verteidigt er die Weimarer Republik, er warnt vor völkischem Geraune und der Zerstörung der Vernunft.

Der Herr vorn am Pult hat allen Grund zur Sorge. Bei den Reichstagswahlen konnte die NSDAP ihren Stimmenanteil auf 18 Prozent steigern und ist nun nach der SPD die zweitstärkste Fraktion. Doch als der Vortragende das bürgerliche Publikum zum Schulterschluss mit den Sozialdemokraten auffordert, entsteht Unruhe im Saal. Eine Gruppe unter Anführung des Schriftstellers Arnolt Bronnen macht Lärm, mit dabei sind Ernst Jünger und dessen Bruder Friedrich Georg. Unterstützt werden die konservativen Revolutionäre von zwanzig SA-Männern im Leihsmoking. Joseph Goebbels hat sie abkommandiert, sie sollen den liberalen Kulturschwätzern kräftig einheizen und die Veranstaltung sprengen.

Der Redner, der am 17. Oktober 1930 im Berliner Beethovensaal in seiner Deutschen Ansprache den "humanitätsfeindlichen Neo-Nationalismus" der Nazis attackierte, war kein anderer als der Schriftsteller Thomas Mann. Für die Rechten war er ein rotes Tuch, sie feindeten ihn an, nachdem sich Mann vom kaisertreuen Deutschnationalen zum Republikaner gewandelt hatte. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen (1918) war er noch "tief überzeugt, daß das deutsche Volk die Demokratie niemals wird lieben können und daß der viel verschriene Obrigkeitsstaat die dem deutschen Volk zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt".

Diese republikanische Wandlung ist gut erforscht und gilt als Wunderheilung eines politisch Verirrten. Nach durchwachten Nächten habe Thomas Mann, so geht die Heldengeschichte, sein kaisertreues Gedankengut ausgemustert und schweren Herzens auch von seinem heiß geliebten Friedrich Nietzsche Abschied genommen.

Die Konversionsgeschichte ist nicht falsch, aber doch unvollständig, wie der Konstanzer Philosoph Rolf Zimmermann in seinem Buch Ankommen in der Republik zeigt. Tatsächlich war Thomas Mann noch viel weitsichtiger: Schon früh erkannte er, dass der Weimarer "Kulturkrieg" ein Kampf des Bürgertums mit sich selbst war, ein erbittert ausgefochtener Streit um den politischen Stellenwert nationaler Traditionen. Nietzsche ("Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit") spielte dabei eine Schlüsselrolle. Er war der Kronzeuge der völkischen Rechten im Kampf gegen die "undeutsche" Weimarer Demokratie, er galt ihnen als lebender Beweis für deutsche Seelentiefe im Gegensatz zum toten Händlergeist des liberalen angelsächsischen Westens. Während die letzten Menschen der Anglo-Welt noch ihr Kleingeld zählen würden, habe Nietzsche bereits den Untergang des dekadenten Liberalismus prophezeit.

Doch was tun: mit Rechten reden? Nett diskutieren mit dionysischen Radikalen, die – wie Ernst Jünger – nichts mehr hassten als liberales Palaver? Für Thomas Mann war das schreiend naiv, für ihn gab es nur einen Ausweg aus der drohenden Zerstörung der bürgerlichen Kultur: Man musste Nietzsche auf die liberale Seite ziehen, man musste den Gottvater der Rechten entgiften und das konservative Bürgertum davon abhalten, mit dem Zarathustra unterm Arm zu den Nationalsozialisten überzulaufen. Nietzsche gehörte den Republikanern und nicht den Faschisten. "Nicht Nietzsche hat den Faschismus gemacht, sondern der Faschismus ihn." Würde er noch leben, so Thomas Mann nach seiner Emigration, "wäre Nietzsche einer von uns. Er wäre in Amerika."

Mit akribischer Geduld zeichnet Zimmermann nach, wie Thomas Mann "the German monster Nietzsky" (so die angelsächsischen Kritiker) an die Kette legt und ihn – mit einem Wort Adornos – "für die Humanität rettet". Anfangs liest sich seine Studie noch wie lupenreine, stilistisch unterkühlte Philologie, doch rasch wird klar, dass der Autor seinerseits die culture wars der Gegenwart im Blick hat. Wie Thomas Mann in der Weimarer Republik, so versucht Zimmermann heute, den Neuen Rechten das Wasser abzugraben und ihnen bei der allfälligen Nietzsche-Verehrung einen Strich durch die Rechnung zu machen. Gewiss, Nietzsche war mitnichten ein Demokrat. Doch auf einem neofaschistischen Rittergut hat er nichts zu suchen.

Wie vor ihm Thomas Mann, so unterscheidet auch Zimmermann zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem in Nietzsches Denken. Zur Peripherie gehören seine skandalösen Entgleisungen, all das Fatale und Unannehmbare, zum Beispiel der Biologismus der Stärke oder die von Rechtsintellektuellen noch heute geschätzten Menschenzüchtungsfantasien. Zum schönsten Erbe gehört für Zimmermann dagegen Nietzsches Perfektibilismus, also die Idee der menschlichen Selbstvervollkommnung. Unvermindert zeitgemäß erscheint ihm dessen Kritik am leeren Fortschritt und an der "Ökonomisierung" des Lebens; Nietzsche war ein leidenschaftlicher Europäer, er verachtete die national Bornierten, die reaktionären Spießer und die "Antisemiten-Fratzen", überhaupt die ganze "Vaterländerei und Schollenkleberei".

Man sieht, für Zimmermanns liberalen Nietzscheanismus sind eine Menge Umbauarbeiten erforderlich, eine ganze Reihe philologischer Gnadenakte und Umbuchungen. Ausgesprochen nachsichtig verfährt Zimmermann mit Nietzsches aristokratischem Hochmut, bei ihm wird daraus ein Schutzwall gegen "utilitaristische Vulgärdemokratisierung und Glücksideologie". Kant und Nietzsche reichen sich hier die Hand: "Es ist gut, einer Gesellschaft anzugehören, in der die Einstellung der Gleichheit dominiert. Es ist noch besser, einer Gemeinschaft anzugehören, in der diese Gleichheit die Grundlage des Strebens nach menschlicher Perfektion bildet."

Gründlich entdämonisiert Zimmermann auch den "Willen zur Macht" und schrumpft ihn zum politischen Pragmatismus in komplexen Weltlagen – mit der Macht muss man rechnen, sonst wird man ihr Opfer. Und Nietzsches Amor Fati, die Liebe zum Schicksal, verwandelt sich bei ihm in einen realistischen Morgensegen, das heißt in die dringende Empfehlung an den Leser, er möge die Weltgesellschaft mit der gebotenen Nüchternheit betrachten, denn ein kosmopolitischer Konsens sei vorläufig nicht zu erwarten. Weniger überzeugend ist Zimmermanns Versuch, Nietzsches bellizistische Dauerpolemik gegen die christliche Sklavenmoral abzumildern und sie zu einer Spielart aufgeklärter Religionsskepsis zu ermäßigen. Religionskritik ist bei Nietzsche keine kostenlose Zugabe, sie ist der Glutkern seines sozialdarwinistisch anschlussfähigen Denkens – die Religion negiert das Leben, das souveräne Subjekt.

Zimmermanns Studie ist ebenso lehrreich wie erschreckend. Erschreckend, weil die Parallelen zwischen den Weimarer Rechten und den völkischen Kreisen der Alternative für Deutschland mit Händen zu greifen sind. Und lehrreich, weil Thomas Manns Einsicht noch immer aktuell ist: Auf das konservative Bürgertum kommt es an. Hat es seine Lektion gelernt und seinen Frieden mit der Demokratie gemacht? Oder sehnt es sich insgeheim immer noch nach einer konservativen Revolution, nach einem Präsidialregime à la Viktor Orbán?

Rolf Zimmermann: Ankommen in der Republik. Thomas Mann, Nietzsche und die Demokratie; Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2017; 352 S., 29,– €