Die DNA-Analyse wird im Strafverfahren auf äußerliche Merkmale (Haar, Augen, Hautfarbe) sowie Alter ausgeweitet." So schlicht und einfach steht es im Koalitionsvertrag als Auftrag an die neue Bundesregierung. Weitere Erläuterungen folgen nicht.

Worum geht es? Seit 20 Jahren ist die DNA-Analyse von Tatortspuren in Deutschland üblich, das Innenministerium verwahrt inzwischen weit mehr als eine Million Personen- und Spurendatensätze in seinem zentralen Register. Findet die Polizei an einem Tatort eine DNA-Spur, lässt sie nach einer Übereinstimmung suchen. Gibt es einen Treffer, stammen beide Spuren mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit von derselben Person – oder ihrem eineiigen Zwilling.

Neben dieser reinen Identitätsfeststellung bieten DNA-Spuren inzwischen aber weitere Möglichkeiten. Üblich und erlaubt ist die Bestimmung des Geschlechts. Seit einer Gesetzesänderung im vergangenen August darf in der zentralen DNA-Datenbank auch nach engen Verwandten gesucht werden. Alle weiteren Untersuchungen sind bisher ausdrücklich verboten.

Das möchte Schwarz-Rot nun ändern. Anfang 2017 hatte bereits die grün-schwarze Regierung von Baden-Württemberg in einer Bundesrats-Initiative die Ausweitung der DNA-Analyse auf Alter, Haar-, Augen- und Hautfarbe gefordert. Man könne inzwischen "mit hoher Wahrscheinlichkeit verlässliche Aussagen" treffen, sagte Landesinnenminister Guido Wolf.

Anlass waren zwei brutale Sexualmorde, die im Herbst 2016 Freiburg erschüttert hatten. In beiden Fällen wurden DNA-Spuren des jeweiligen Täters gefunden, doch zu keiner gab es in der Datenbank einen Treffer. Rechtsradikale Blogger, aber auch Politiker, lokale und überregionale Medien nahmen die Fälle zum Anlass, die erweiterte DNA-Analyse zu fordern.

Bayern schloss sich an und forderte zusätzlich die Legalisierung der Analyse in Bezug auf die sogenannte biogeografische Herkunft. Tatsächlich können DNA-Spuren mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Auskunft darüber geben, ob eine Person aus Europa, Afrika oder Asien stammt. Allerdings sagt das nichts über ihr äußeres Erscheinungsbild aus, und eine Zuordnung zu einzelnen Regionen der Kontinente ist nur mit wesentlich geringerer Wahrscheinlichkeit möglich.

Der Umgang mit solchen Wahrscheinlichkeiten ist eines der Hauptprobleme bei der erweiterten DNA-Analyse. Ein Beispiel: Die Hautfarbe lässt sich mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit aus einer guten DNA-Spur ableiten. Für den Laien klingt das nach einer fast sicheren Feststellung. Doch eine Rechnung zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Wenn etwa in einer Kleinstadt mit gut 10.000 Einwohnern 200 eine dunkle Hautfarbe haben, würden diese bei einem entsprechenden DNA-Fund sofort unter Generalverdacht geraten. Doch auch bei fünf Prozent der hellhäutigen Kleinstadtbewohner würde die Analyse fälschlicherweise auf eine schwarze Person hindeuten, und das wären fast 500 Menschen. Die vermeintlich "schwarze" DNA-Spur stammt in unserem Beispiel also mit über 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit von einem Hellhäutigen. Kaum vorstellbar, dass dies in der großen Aufregung nach einem spektakulären Kriminalfall berücksichtigt würde – sowohl in der Öffentlichkeit als auch von der Polizei.

Die gleiche Problematik zeigt sich auch bei den anderen Anwendungen der erweiterten DNA-Analyse. Ergibt sie häufige Merkmale, etwa blonde Haare, blaue Augen, europäische Abstammung, sind diese für die Fahnder weitgehend wertlos; bei seltenen Merkmalen droht ein falscher Generalverdacht. "Ein solches Verfahren richtet sich ausschließlich gegen Minderheiten", konstatiert daher der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma.

Seine Mahnung ist nicht nur Theorie. Beim einzigen Fall, in dem DNA-Profiling bisher in Deutschland zur öffentlichen Fahndung genutzt wurde, kam es tatsächlich zu einer massiven Diskriminierung. Nach dem Mord an der Heilbronner Polizisten Michèle Kiesewetter gerieten Sinti und Roma unter Generalverdacht, weil eine im gesetzlichen Graubereich von einem österreichischen Labor untersuchte DNA-Spur auf eine Frau osteuropäischer Herkunft hindeutete, der auch zahlreiche andere Taten in Deutschland und dem benachbarten Ausland zugeordnet wurden. Außerdem hatten sich zum Zeitpunkt des Mordes reisende Familien in der Nähe aufgehalten. So fahndete die Polizei öffentlich nach einer "Frau aus dem Zigeunermilieu". Offiziell 800, womöglich über 3.000 Sinti und Roma mussten sich bei Reihenuntersuchungen einem Speicheltest unterziehen.

Später stellte sich heraus, dass die vermeintliche Tatort-DNA von der Mitarbeiterin einer Firma stammte, die jene Wattestäbchen herstellt, mit denen die Polizei-Forensiker Erbgut-Spuren aufsammeln. Und als Mörder der Heilbronner Polizistin gelten inzwischen (nachdem ihre Dienstwaffe bei ihnen gefunden wurde) die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, der eine blond, der andere blauäugig. Die Analyse ihrer DNA-Spuren hätte die Fahndung nicht weitergebracht.

Bundestag und Bundesrat haben kein schlichtes und einfaches, sondern ein ebenso kontroverses wie kompliziertes Thema vor sich.

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