Man wolle vorbereitet sein, sagt der Mann am Telefon. Schon in 20 Jahren könne es in Teilen Deutschlands eine muslimische Mehrheitsbevölkerung geben, bislang kämpften zu wenige dagegen. Doch das werde sich ändern. Es gebe "sehr, sehr viele, die ihr Coming-out noch wagen werden, auch prominente Namen, Männer und Frauen, die mit uns und unserem Kreis sympathisieren. Der Geist weht heute rechts." Woraufhin man stutzig wird: Mit uns? Und unserem Kreis? Wer ist das?

Der Mann am Telefon heißt Frank Böckelmann, er ist Herausgeber des neurechten Magazins Tumult in Dresden, und sein Name findet sich auf einer Unterschriftenliste, die seit der vergangenen Woche im Netz zu finden ist. "Gemeinsame Erklärung" ist der Titel, dazu nur zwei Sätze: "Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird. Wir solidarisieren uns mit denjenigen, die friedlich dafür demonstrieren, dass die rechtsstaatliche Ordnung an den Grenzen unseres Landes wiederhergestellt wird."

Was soll das sein? Eine Soli-Bekundung zu Pegida? Interessant ist der Aufruf aufgrund seiner Unterstützer: eines breiten Spektrums von Intellektuellen und politischen Aktivisten. Menschen, die in der Flüchtlingsdebatte schon mit kritischen Positionen aufgefallen sind, die aber nie gemeinsam aufgetreten sind, nie konzertiert. Thilo Sarrazin, der vor Jahren erfolgreich war mit seinem einwanderungskritischen Buch Deutschland schafft sich ab, gehört zu den Erstunterzeichnern. Ebenso Welt-Kolumnist Henryk M. Broder. Oder der Schriftsteller Uwe Tellkamp, der in Dresden gerade mit großer Resonanz die Zuwanderungspolitik kritisierte. Der frühere Spiegel -Kulturchef Matthias Matussek ist dabei, die CDU-Frau Vera Lengsfeld. Die Bandbreite reicht von Michael Klonovsky, dem persönlichen Referenten von AfD-Fraktionschef Alexander Gauland, über den Chefredakteur der Jungen Freiheit, Dieter Stein – bis zum mindestens nationalkonservativen Autor Karlheinz Weißmann, einem zentralen Protagonisten der Neuen Rechten.

Was bislang unbekannt war: Dieser Kreis der Unterzeichner ist sich bestens vertraut. Von den hier Genannten zählen alle – bis auf Uwe Tellkamp – zu den Teilnehmern einer fernab der Öffentlichkeit agierenden Gesprächsrunde, eines Debattenkreises, der sich zweimal jährlich in Berlin trifft, immer mit mindestens 30, oft aber deutlich mehr Teilnehmern. Bislang ist über diese Treffen nichts publik geworden. Man fand kurz nach Beginn der Flüchtlingskrise erstmals zusammen und traf sich etwa schon in der Bibliothek des Konservatismus in Westberlin und an anderen Orten in der Stadt. Die Treffen laufen offenbar immer ähnlich: Impulsvortrag (mal zur Geschichte des Islams in Europa, mal zur Meinungsfreiheit), dann "gepflegtes Palaver", wie ein Teilnehmer sagt, "ein Austausch von lauter Intellektuellen ohne politisches Geschick, eine ganz harmlose Runde". Immer auch Programmpunkt im Anschluss: Essen.

Ein intellektueller Zirkel, ein Debattiersalon, ist in linken und bürgerlichen Milieus anerkannte Praxis des politischen Lebens. Dass Konservativ-Bürgerliche und Vertreter der Neuen Rechten aber auf diese Weise in Kontakt kommen – das gab es bislang nicht. Ist es ein Zeichen von neuer deutscher Lässigkeit, wenn die Gruppe um Lengsfeld, Sarrazin, Broder, Böckelmann und anderen – ein Kreis von Liberalkonservativen bis zu strammen Rechtsaußen, von SPD und CDU bis weit in die AfD – nun per Unterschriftenliste den Schritt ans Licht wagt? Oder stimmt gar, was Letzterer, was Böckelmann sagt: Weht der neue Geist im Land rechts?

Viele in diesem Salon – so viel wird klar, wenn man sich durch den Teilnehmerkreis telefoniert – halten das Rechtssein jedenfalls für das eigentliche Abenteuer dieser Zeit. Andere sorgen sich um ihren Ruf für den Fall, dass ihre Teilnahme bekannt wird. Manche aber reden recht unbekümmert. Vera Lengsfeld etwa.

Sie erreicht man in ihrem Landhaus in Thüringen, hier hat sie ihre ersten Lebensjahre verbracht, hierhin kehrte sie später, als CDU-Bundestagsabgeordnete, zurück. Lengsfeld war Bürgerrechtlerin in der DDR-Zeit, vernetzt in der widerständigen Ostberliner Szene; später wurde sie Merkel-Anhängerin. Inzwischen zählt sie zu ihren erbittertsten Gegnern. Aus dem Bundestag schied sie 2005 aus. "Die Menschen in unserem Gesprächskreis", sagt Lengsfeld, "sorgen sich um die Entwicklung unseres Landes." Was bedeutet das? "Da geht es schon mal darum, dass man sich endlich ehrlich machen soll. Es sind zum größten Teil keine Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen." Beim letzten Treffen des Gesprächskreises, sagt Lengsfeld, habe man deshalb überlegt: "Was können wir tun? Die Leute warten nicht auf unsere Gelehrtenanalysen. Sie warten auf unsere Solidarität. Daraus sind die beiden Sätze entstanden." Es gehe in der "Erklärung 2018" darum, mit jenen solidarisch zu sein, die sich auf Demonstrationen – in Kandel, Bottrop, Cottbus, Hamburg, demnächst Nürnberg – gegen die Politik der Bundesregierung stellten.

Kann man es als Sympathiebekundung für Pegida lesen? Nicht für die Dresdner Organisatoren, so Lengsfeld. Für die meisten Demonstranten vielleicht schon.