Charles Bahr ist Unternehmer und an diesem Wintermorgen noch keine 16 Jahre alt. Es ist fünf Uhr, er sitzt hellwach auf dem Flughafen Berlin-Tegel und überlegt, wie er an eine Limousine kommt. Charles Bahr und ein 18-jähriger Begleiter, der "projektbasiert" für ihn arbeitet, wie Bahr erklärt, sind auf dem Weg nach Zürich, um "ein paar opportunities" auszuloten, ein paar Möglichkeiten. Jetzt will Charles Bahr als Erstes die Sache mit der Limousine regeln, genauer gesagt: regeln lassen.

Da lehnt sich also ein Teenager, schmalschultrig, blass und blond, auf einem Hartschalensitz zurück und streckt die Beine aus, während sein Mitarbeiter auf dem iPhone nachschaut, wie teuer es wäre, sich in Zürich vom Flughafen in die Stadt chauffieren zu lassen. Bahr fährt häufig Limousine, am liebsten Mercedes oder Cadillac, aber heute gibt es ein Problem: Die Fahrt kostet 80 Euro. Zu viel für Bahrs drei Kreditkarten, die gerade am Limit sind. Wobei, eigentlich sind es die Kreditkarten seiner Mutter.

Zweieinhalb Stunden später reiht sich sein Mitarbeiter am Flughafen Zürich in die Schlange vor dem S-Bahn-Ticketschalter ein, und Bahr wird ungeduldig: "Verdammt, wären wir mal Limousine gefahren!" Der nächste Zug kommt in 14 Minuten. Für jemanden, der mit solch einer Zielstrebigkeit durch die Erwachsenenwelt schießt wie Charles Bahr, eine Zumutung.

Bahr geht in die zehnte Klasse eines Gymnasiums in Hamburg. In der Tasche, die sein Mitarbeiter für ihn trägt, steckt eine Reisevollmacht in einer Klarsichtfolie. Die hat sich Bahr von seiner Mutter unterschreiben lassen, damit er allein ins Ausland fliegen darf. Er ist zu jung für eine eigene Kreditkarte, zu jung eigentlich auch für seine Firma tubeconnect media, ein Unternehmen mit eigenem Büro und zehn Mitarbeitern; Bahr gründete die Firma vor einem Jahr. Sie wird offiziell von einer Freundin seiner Mutter geführt. Seinen Kunden aber kann er offenbar gar nicht jung genug sein. Sie laden ihn zu Meetings nach Berlin und München ein, sie lassen sich von ihm Werbekampagnen entwerfen, er soll ihnen das Internet erklären, genauer: wie man dort junge Menschen in seinem Alter erreichen kann.

Bahr sagt es so: "Ich möchte das Problem lösen, dass die Werbung für meine Generation nicht optimal und effizient kreiert ist." Sein Versprechen an die Firmen, die für seinen Rat zahlen, lautet: Niemand versteht die Jugend so gut wie die Jugend selbst. Niemand versteht sie so gut wie er, Charles Bahr.

In Zürich verbringt er einen langen Tag in einer Messehalle. Dort treffen sich Leute, die im Netz – und nur dort – Stars sind, mit ihren Fans und mit Menschen, die vom Ruhm dieser Stars profitieren wollen. Die Stars sind ziemlich jung, zwischen 14 und 19 Jahre alt, und wenn man sie nicht kennt, dann kann man sie leicht mit den Fans verwechseln: Die Jungen tragen Turnschuhe, Röhrenjeans und Kapuzenpullover, die Mädchen kurze Lederröcke und hohe Schuhe. Sie posieren für Handyfotos, sie führen auf einer Bühne unter Applaus ihre Fitness vor, indem sie Liegestütze und Sit-ups machen, und sie werden umschwärmt von denen, die ihre Bekanntheit vermarkten: Leuten, die mindestens doppelt so alt sind wie sie, manch einer trägt Anzug.

Man kann sagen, hier trifft die Online- auf die Offline-Welt. Charles Bahr ist der Vermittler zwischen diesen Welten.

Unter grellem Neonlicht sitzt er mit Marketingmenschen zusammen, er quatscht sich in den Backstagebereich, isst argentinisches Rinderfilet mit einem Manager aus Los Angeles, zwischendurch macht er Fotos von sich selbst: Dafür postiert er sich vor Stellwänden, die eng beklebt sind mit Markenlogos. Kurz bevor er die Messe verlässt, steuert er noch schnell auf den Chef einer Eventagentur zu, einen ergrauenden Mann Mitte 40. In der Hand hält Bahr seine Visitenkarte wie eine Waffe. Charles Bahr sagt nicht Hallo oder Entschuldigung. Er sagt: "Ihr macht doch viel für die Telekom, oder?"

Der Agenturchef schaut irritiert, will schon weitergehen, aber Bahr hört nicht auf zu reden. Bald flackert im Gesicht des Ergrauenden Neugier auf, und einige Minuten später sagt er: "Danke, ja, lass uns unbedingt in Kontakt bleiben. In dem Bereich können wir noch viel von euch lernen." Er nimmt Bahrs Visitenkarte. Die beiden verabschieden sich mit einem Handschlag.

Es war ein Satz, den Charles Bahr fast beifällig fallen ließ, der das Interesse des Agenturchefs geweckt hat: "Unsere Firma macht ja Influencer-Marketing von Youngsters für Youngsters."