Früher sei Charles oft müde und matt gewesen, erzählt sie. Ein schüchterner Junge, der meistens am Computer saß und im Internet Videos guckte. Ein guter Schüler, der aber keine Lust auf Schule hatte. Als er im vergangenen Jahr ein Praktikum in einer Werbeagentur gemacht habe, da sei er plötzlich wie ausgewechselt gewesen. Er hatte auf einmal Energie und Elan, er begeisterte sich für etwas. Claudia Bahr wollte ihren Sohn nicht bremsen. Sie half ihm bei der Gründung seiner Firma und schloss mit ihm einen Deal: Er darf dort Chef sein, wenn er verspricht, das Abitur zu machen.

Natürlich sorgt sie sich, wo das alles hinführen soll, diese Reisen zu Messen, zu Unternehmen, dieses Auf-Du-und-Du mit Eventmanagern. Für den Moment hat Claudia Bahr sich entschlossen, ihren Sohn machen zu lassen. "Wenn Kinder sich etwas zutrauen, dann sollte man sie nicht festhalten, sondern ihnen Flügel verleihen. Alles ist möglich: Charles hat sich das scheinbar zu Herzen genommen", sagt sie.

An einem Mittwochnachmittag fährt ihr Sohn mit dem Fahrstuhl in den zweiten Stock eines Vier-Sterne-Hotels mit Blick auf den Hamburger Hafen. Hier findet die Social Media Conference statt, noch so ein Branchentreffen. Auf der Bühne wird gerade über die Zukunft des "Facebook-Messenger-Marketings" diskutiert, als Charles Bahr sich verkabeln lässt und mit gesenktem Kopf durch ein Publikum von etwa 300 Menschen nach vorne schreitet.

Sein Vorredner, ein Mann im Anzug, beantwortet noch die Fragen der Moderatorin, als Bahr in Ralph-Lauren-Pullover, Jeans und weißen Turnschuhen wie selbstverständlich die Bühne betritt und sich ans Rednerpult stellt. Es ist zehn vor vier. Laut Plan wäre er schon seit fünf Minuten dran, aber der Vorredner hört nicht auf zu sprechen. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, öffnet Charles Bahr seine PowerPoint-Präsentation auf dem Laptop.

Die Moderatorin sagt: "Je später der Tag, desto jünger die Gäste." Charles Bahr sagt: "Ähm ja, Sie sind die Allererste, die das sagt! Nein, Scherz. Ja, kurz in eigener Sache: Ich bin Charles und 15 Jahre alt."

Ein Raunen geht durchs Publikum. "Lächerlich! Sind wir hier im Kindergarten?", flüstert jemand. Es ist jetzt fünf vor vier. Charles Bahr steht mitten auf der Bühne. Jetzt ist er dran.