DIE ZEIT: Herr Sachs, stellen Sie sich vor, ich gehe in den Supermarkt bei mir um die Ecke und klaue eine Banane. Das Geld, das ich dabei spare, überweise ich anschließend einer sozialen Organisation in Südamerika. Helfe ich damit den Bauern dort?

Jeffrey Sachs:(lacht) Nein, damit helfen Sie absolut niemandem. Das Einzige, was Sie erreichen, ist Chaos.

ZEIT: Die Aktivisten des deutschen Peng!-Kollektivs sehen das anders. In einem Video, das in Deutschland gerade viel geteilt wird, fordern sie die Kunden auf, Orangen, Bananen oder Schokolade im Discounter zu stehlen und das Geld für soziale Zwecke zu spenden. Ihre Botschaft: "Ich klaue nicht, ich zahle nur an die Richtigen."

Sachs: Von Ihrem Diebstahl würde aber kein Bauer profitieren. Es ist nicht möglich, dass dieses Geld direkt zu den Produzenten geht. Aber ich gebe zu, die Aktion ist kreativ. Und sie öffnet die Debatte für eine sehr ernste Frage: Können Deutschland und andere reiche Nationen mehr tun, um den Produzenten in ärmeren Ländern zu helfen?

ZEIT: In dem Video der Aktivisten sind Preisschilder zu sehen, auf denen steht: "Bananen: 1,15 Euro inkl. Löhne unterhalb des Existenzminimums", "Orangen: 0,99 Euro inkl. moderne Sklavenhaltung". Sind die Preise, die ich im Supermarkt bezahle, schuld, dass es Bauern anderswo schlecht geht?

Sachs: So einfach ist es leider nicht. Es stimmt: Wir sollten nicht hier entspannt unseren Kaffee trinken, während die Produzenten leiden. Aber die Armut der Bauern liegt auch daran, dass in diesen Ländern Schulen fehlen, Krankenhäuser, Infrastruktur.

ZEIT: Vor Kurzem hat die Organisation Transfair eine Studie veröffentlicht. Darin steht, Bananen in deutschen Supermärkten müssten etwa doppelt so teuer sein, um den Erzeugern faire Löhne zu bezahlen und die Kosten für Umwelt und Gesundheit auszugleichen.

Sachs: Konsumenten können tatsächlich viel bewirken, wenn sie bereit sind, etwas mehr Geld auszugeben. Nehmen Sie zum Beispiel die 125 Millionen meist sehr armen Menschen, die an der globalen Kaffeeproduktion beteiligt sind. Mit nur ein paar Cent können Sie dafür sorgen, dass diese ein viel besseres Leben führen.

ZEIT: Inwiefern?

Sachs: Sehen Sie, ich liebe Kaffee. Bei Starbucks an der Upper West Side in Manhattan zahle ich für meinen Becher 1,84 Dollar. Ich wäre sofort bereit, fünf Cent mehr zu bezahlen. Mit einem Pfund Kaffee kann man 25 Tassen brühen. Wenn jede Tasse fünf Cent mehr kostete und das Geld direkt an die Bauern ginge, bekämen sie pro Pfund 1,25 Dollar mehr. Und nun müssen Sie wissen: Ein Kaffeebauer bekommt im Schnitt nur 1,25 Dollar pro Pfund. Das heißt, wenn wir fünf Cent mehr für einen Becher Kaffee bezahlen, verdoppeln wir das Einkommen des Bauern.

ZEIT: Aber wer das Geld bekommt, das sie bezahlen, bestimmen ja nicht die Kunden. In Deutschland gibt es vier große Supermarktketten, die den Markt dominieren. Sind es nicht die Konzerne, die den Bauern das Leben schwer machen?

Sachs: Nicht unbedingt. Natürlich gibt es einige sehr verantwortungslose Unternehmen. Und die Supermärkte können mit Sicherheit zu einer Lösung des Problems beitragen. Aber man kann ihnen nicht allein die Schuld an niedrigen Preisen geben.