Rudolf Scharping ist schuld. Scharping hat in den frühen neunziger Jahren in Rheinland-Pfalz mit der FDP unter Rainer Brüderle koaliert, und das passte Jörg Kukies überhaupt nicht. Der war damals Landeschef der Jusos und hatte für ein Bündnis mit den Grünen geworben.

Kukies wandte sich also erst einmal von der Politik ab. Er studierte in Harvard, promovierte in Chicago und stieg danach bei Goldman Sachs ein, der amerikanischen Investmentbank, die für ihre unbarmherzigen Einstellungstests ebenso berühmt ist wie für ihre exorbitanten Bonuszahlungen. Bei Goldman ist er schnell aufgestiegen, zuletzt führte er die Niederlassung der Bank in Frankfurt am Main. Als Staatssekretär wird er nicht unerhebliche Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, aber Geld ist nicht alles im Leben, vor allem nicht für jemanden, der so viel davon verdient hat wie er. Und wenn man mit Kukies spricht, spürt man: Für die Politik brennt er – Scharping hin oder her – immer noch. Sein SPD-Parteibuch jedenfalls hat Kukies nie abgegeben.

So hat er zugesagt, als Scholz ihn gefragt hat, ob er sich den Wechsel ins Finanzministerium vorstellen könne. Der Kontakt kam über Andrea Nahles zustande, die Kukies als Juso-Chefin in Rheinland-Pfalz abgelöst hatte. Mit ihr hatte er in den neunziger Jahren in Mainz Stoppt-Kohl-Plakate gemalt – die Basis für eine freundschaftliche Beziehung, die sich über die Jahre gehalten hat.

Kukies gilt als pragmatisch, lösungsorientiert und extrem fleißig, bei Goldman war er immer vor sieben Uhr im Büro und blieb bis spätabends. Im Finanzministerium wird er sich um die Europapolitik und die Regulierung der Finanzmärkte kümmern. Und er wird auf einige ehemalige Weggefährten treffen: Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, war ebenfalls bei Goldman, ebenso Mark Carney, der Gouverneur der Bank von England, und Steven Mnuchin, der amerikanische Finanzminister.

Ein Zufall ist das nicht, denn Goldmänner sind in aller Regel fähig und leistungsbereit, und bei Goldman Sachs sieht man es gerne, wenn Ehemalige in die Politik wechseln. Das ist gut für den Ruf und sorgt für beste Verbindungen in die Spitzen von Politik und Verwaltung. Es befeuert aber auch immer wieder Diskussionen, wonach die Bank diese Verbindungen zum eigenen Vorteil nutze, wobei es – auch das gehört zur Wahrheit – dafür in den meisten Fällen keine Indizien gibt.

Scholz hat einkalkuliert, dass seine Entscheidung kritisiert werden würde, heißt es in seinem Umfeld. Er hat Jörg Kukies geholt, weil er jemanden an seiner Seite haben will, der weiß, wie die Finanzmärkte wirklich funktionieren, und seine Kenntnisse über Zinssätze und Aktienkurse nicht nur aus Universitätsvorlesungen bezieht. Die geplante Reform der Europäischen Währungsunion könnte schließlich erhebliche Folgen für die Finanzierung von Staaten und das Geschäft der Geldinstitute haben. Da soll nichts schiefgehen.

Hinzu kommt: Das Finanzministerium ist für die Kontrolle der Banken zuständig, und Kukies kennt die Tricks der Banker. So gesehen ist Jörg Kukies für Olaf Scholz der richtige Mann – wenn denn klar ist, dass er auch auf der richtigen Seite steht.