Es sei ein unendlich Kreuz, Glas zu machen. So steht es an der Wand über Kurt Zalto, in braunen, antiquierten Fraktur-Lettern. Ein alter Zunftspruch, der für Zalto, 57 Jahre alt, Spross einer Waldviertler Glasmacherfamilie in sechster Generation, erdacht worden sein könnte. Stumm blickt er auf seine zwei Glasbläser, kräftige Kerle aus Tschechien, die zähe Schmelzmasse aus dem 1.200 Grad heißen Ofen holen, bedacht in die lange Glaspfeife pusten und den geschundenen Rachen dann mit Bier und Zigaretten versöhnen. So hart die Arbeit, so zart sind die Gebilde, die sie nach den Entwürfen ihres Chefs formen.

Gut 120 Glasmacher gab es einmal im Waldviertel. Heute ist Kurt Zaltos Waldglashütte ein fast museales Relikt, das Bustouristen nach Neu-Nagelberg, 130 Einwohner an der Grenze zu Tschechien, bringt. Doch das Kreuz, das Zalto trägt, ist nicht nur das eines Handwerks, das kaum mehr wettbewerbsfähig ist. Zaltos Kreuz ist sein Name.

Der Name steht in der eingefleischten Weinszene für ein Glas, das die Branche auf den Kopf gestellt hat. Leidenschaftlich disputiert das Kennertum über die Frage: Verkostet es sich besser mit Riedel oder mit Zalto? Der Weinkritiker Robert Parker schwärmt von den Waldviertler Kelchen, der aus Tirol stammende Sommelierstar Aldo Sohm wirbt als Markenbotschafter, und Edelrestaurants in aller Welt decken Zalto ein.

Aber Kurt Zalto, mit dem dieser Glasmythos begann, will damit nichts mehr zu tun haben. Noch dazu kann er seinen Namen nicht mehr verwenden für das, was er herstellt. Dahinter steckt das Zerwürfnis mit ehemaligen Geschäftspartnern: zwei Manager, früher im Vorstand des Schaumweinproduzenten Schlumberger, die auf Zaltos Glasentwurf stießen. Es stand damals nicht gut um seinen Betrieb, 2007 musste er Insolvenz anmelden. Dank der neuen Partner ging die Arbeit weiter, sein Weinglas wurde geschickt vermarktet und rasch zum vinophilen Must-have.

Doch schon 2009 verließ Zalto das Unternehmen im Clinch und überließ den Ex-Partnern Entwürfe und Markenrechte.

Wer woran Schuld trägt, lässt sich wie so oft in solchen Fällen nicht klar feststellen. Noch immer trennen Streitigkeiten vor Gericht die Zalto Glas GmbH und Kurt Zaltos Waldglashütte – und nur fünf Autominuten Entfernung. Drüben in Gmünd kümmert man sich um Vertrieb und Vermarktung der 30 bis 35 Euro teuren Zalto-Gläser. Produziert werden sie im Ausland, beworben mit der venezianischen Glasmacherdynastie Zalto, die ihr Können vor sechs Generationen ins Waldviertel brachte.

Rudolf Kirchschläger und Margaret Thatcher: Alle wollten einst ein Glas der Familie Zalto

Hier, in der Waldglashütte, setzt Kurt Zalto diese Familientradition auf seine Art fort. Es läutet an der Tür der Verkaufsräume, in denen sich Vasen, Dekofiguren und Gläser im Stil der Wiener Moderne aneinanderreihen. Die Besucher bringen ein Glasservice der Großmutter mit, Becherchen mit Gravur und Goldrand, die meisten sind zerbrochen. Am Ende wird Zalto für die weit angereisten Kunden einige Kopien des Erbstücks anfertigen – es ist mehr ein Gefallen denn ein Geschäft.

"Uns interessiert nicht so dieses klassische Unternehmertum, die Markenbildung, sondern das Schöpferische. Wir wollen kreativ arbeiten", sagt Zalto. "Uns" meint den Familienbetrieb, in dem seine Frau und sein Sohn mit von der Partie sind, und seine Glasbläser, -graveure, -schleifer, -maler.

Auf einem vergilbten Foto im Verkaufsbereich lächelt Margaret Thatcher von der Wand, im Kreise der Familie Zalto, mit einem aufwendig gestalteten Becher in der Hand. Auch die ehemaligen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger und Franz Jonas blicken von Fotos entgegen: Erinnerungen an eine Zeit, in der die Zaltos an hohe Besuche gewöhnt waren und an die hohe Nachfrage nach ihren zerbrechlichen Meisterstücken.

Abend für Abend saßen Kurt Zalto und sein Vater in der warmen Stube und zeichneten: eine Kindheitserinnerung, die Zaltos Augen hinter den Brillengläsern aufleuchten lässt. In der Fachschule Kramsach in Tirol lernte er Glasdesign und -gravur, ging als Praktikant in den bayerischen Wald zu einem damals großen Glasbetrieb und kehrte 1979 zurück zur Familie ins grenznahe Niemandsland.

Die Geschichte des ultimativen Weinglases beginnt Anfang der 2000er Jahre. Zalto selbst ist allerdings kein großer Trinker. Als Jugendlicher hat er alle Energie auf dem Tennisplatz ausgelebt, "Ich verlier nicht gern", sagt er und wirkt auf einmal gar nicht mehr so zugeknöpft. Der Preis, kaputte Bandscheiben, die ihm zu schaffen machen, egal.