Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18, mit der wir Deutschland Deutschland neu erklären wollen. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Weitere Informationen über das Projekt #D18

Wenn es nicht so zynisch klingen würde, dann müsste man Pegida und der AfD fast einmal danken. Sie haben nämlich geschafft, was vor ihnen eigentlich niemandem anderen, also keinem Buch, keinem Film, keiner Flut und auch nicht der Linkspartei, gelungen ist. Ganz wertfrei formuliert: Sie haben das Gespräch, das Nachdenken, das Streiten über den Osten Deutschlands nach Jahren aus der Nische herausgeholt und zurück in die Mitte der Gesellschaft, in die Medien und auf die Agenda katapultiert. Sie haben das zähe Schweigen in und über Ostdeutschland bis auf Weiteres beendet.

Denn wegen Pegida und der AfD haben nun mehr als nur ein paar ostdeutsche Publizisten, Politiker und Intellektuelle verstanden, dass die Deutschen über den Osten wieder reden – und die Menschen dort neu und anders in den Blick nehmen und verstehen müssen, wenn diese nicht in noch größeren Zahlen zu AfD-Wählern werden sollen.

Seit den letzten Tagen des Wahlkampfes ist das nun schon so. Seit also fast einem halben Jahr. Damals wurde bundesweit über die Wut einiger offenbar AfD-naher Pöbler auf ostdeutschen Marktplätzen berichtet, aber seither ist der Osten nahezu täglich Thema geblieben: Erst wurde über die hohen Wahlerfolge der AfD etwa in Sachsen diskutiert; dann wurde der ostdeutsche Mann besprochen; danach stieß Thomas Krüger, der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, eine Debatte über die Präsenz von Ostdeutschen in den gesamtdeutschen Eliten an; dann wurde gefragt, was es bedeutet, dass die Mauer nun genauso lange nicht mehr steht, wie sie einst gestanden hat; danach regte sich so großer Unmut wie noch nie zuvor nach dem Mauerfall, dass keine Ostdeutschen im neuen Kabinett vertreten sein könnten; dann wurde die Ernennung von Franziska Giffey zur neuen Familienministerin begrüßt wie eigentlich kaum eine andere Personalie. Und zuletzt wurde heftig über eine Podiumsdiskussion der Schriftsteller Uwe Tellkamp und Durs Grünbein in Dresden debattiert, die dort vor einem großen Publikum, nein, nicht über Literatur, sondern tatsächlich wie einst die Generation von Günter Grass kontrovers über Politik gestritten haben.

Mit anderen Worten: Da findet plötzlich in der Öffentlichkeit etwas statt, ist etwas aufgebrochen wie schon lange nicht mehr. Und bei alldem ist die Tonlage – bei allen, die gemäßigt genug denken – ernster, differenzierter und lösungsorientierter geworden. Aus vielerorts verbreitetem Desinteresse wurde Sorge und beginnendes Engagement.

Als vor drei Jahren die ersten Pegida-Demos in Dresden stattfanden, wurde Ostdeutschland noch einmal mit Spott und "Dunkeldeutschland"-Häme überzogen, die alten Vorurteile über den ehedem braunen Osten wurden erneuert und beinahe unüberbrückbare Mauern zwischen dem aufgeklärten Westen und dem defizitären Osten wieder hochgezogen. Manche Kritik war berechtigt, manche nicht. Manch einen aus Westdeutschland mag es entlastet haben, so zu tun, als würde die AfD-Anhängerschaft nur von dort stammen. Für viele Ostdeutsche aber war das schwer zu ertragen, bleibt als weitere Kränkung oder Demütigung sicherlich im Gedächtnis.

Mittlerweile haben sich in vielen ostdeutschen Städten neue lokale Bündnisse gegen Rechtsextremismus, für Vielfalt gegründet, die, wie zuletzt in Cottbus, auf die Straße gehen. Mittlerweile wird kritisiert, wer über den Osten zu pauschal urteilt. Und siehe Franziska Giffey, eine Debatte über die Präsenz von Ostdeutschen zeigt plötzlich Wirkung – mehr als zwei Jahrzehnte lang wurden solche Forderungen entweder gar nicht erhoben oder wenn, dann leichthin abgetan. Die Ostdeutschen hatten einfach keine Lobby. Eine in Brandenburg aufgewachsene Kanzlerin und Joachim Gauck als Bundespräsident reichten als Entschuldigung und letztlich auch Feigenblatt. Sie galten lange als Symbole einer erfolgreichen Integration der Ostdeutschen und nicht als jene Ausnahmen, die sie tatsächlich waren.

Am Osten kommt keiner mehr vorbei

Nun kommt am Osten erst einmal keiner mehr vorbei. Aber natürlich ist die Freude darüber getrübt. Der Anlass nämlich ist im Kern eine Niederlage. Es bedurfte erst einer Aufwallung der Wütenden, einer rechten Rebellion von nicht länger zu ignorierenden Teilen der ostdeutschen Gesellschaft, damit dieser Zustand so eintreten konnte. Mit anderen Worten, die Erkenntnis, über den Osten debattieren, streiten, seine Präsenz garantieren zu müssen, setzte erst in jenem Moment wirklich ein, in dem auch der Letzte schmerzlich verstanden hatte: Aus Teilen des Ostens war schleichend eine Parallelgesellschaft geworden, die lautstark ausschert. Mehr noch, die in diesem Ausscheren ein Selbstbewusstsein, ein Gruppengefühl, eine Zugehörigkeit formulieren kann, die es so seit dem Mauerfall und den Protesten gegen die Einführung von Hartz IV nicht mehr gegeben hatte. Endlich scheint ein taugliches Rezept gegen das eigene Marginalisierungsgefühl gefunden worden zu sein. Man rauft sich zusammen gegen Flüchtlinge, pocht aufs eigene Vorzugsrecht.