Wer den Osten einfach als einen kuriosen Landstrich der Rechtsabweichung, als bizarres Dunkeldeutschland wahrnimmt, verkennt eine entscheidende Pointe: Diese Fremdwahrnehmung entspricht nicht im Geringsten der Selbstwahrnehmung derjenigen, die sich nicht nur in den östlichen Bundesländern, sondern ebenso auch in Polen, Ungarn und Tschechien gegen die Flüchtlingspolitik wenden. Der Mensch des einstigen Ostblocks begreift sich als durch und durch unschuldig. Er zehrt von einer jahrzehntelangen Staatsdoktrin. Sie besagte, dass der Westen kapitalistisch und faschistisch sei, man selbst aber sozialistisch und daher von vornherein antifaschistisch.

Der Antifaschismus war der Gründungsmythos des Ostens. Die DDR betrachtete sich dezidiert nicht als Nachfolgestaat des "Dritten Reichs", vielmehr hatte man den Nationalsozialismus als westlich-kapitalistische Eigenart definiert und damit außer Landes geschafft. Deshalb werden linksliberale Mahnungen aus dem Westen noch heute als unsachgemäß aufgefasst: Den Ostdeutschen die Gefahren des rechten Gedankenguts aufzutischen ("Ist es schon wieder so weit?") ist ungefähr so sinnvoll, wie einem militanten Nichtraucher die Nachteile des Nikotinkonsums aufzuzählen. Er fühlt sich auf lächerliche Weise belehrt.

Gründungsmythen und Opfererzählungen sind zählebig

Die Unschuld wird, wie in jedem bürgerlichen Drama, mit aller Entschiedenheit verteidigt. Weshalb die Polen sogar gesetzlich zu untersagen versuchen, mit der eigenen Tradition des Antisemitismus und der Kollaboration Einzelner konfrontiert zu werden. Weshalb den Ungarn das Trauma ihrer Staatsschrumpfung von 1920 mehr Kopfzerbrechen bereitet als ihre Koalition mit Hitler. Weshalb wiederum die Dresdner mit jedem Gedenken an den Bombenkrieg noch heute in kollektive Trauerstimmung verfallen – etwas, was den Hamburgern oder Kölnern nicht in den Sinn kommt.

Man ist im ehemaligen Ostblock in der tiefen Überzeugung vereint, sich für die westdeutsche Selbstzerknirschung, die Aufarbeitung des Nationalsozialismus, den moralischen Überschuss nicht zuständig zu fühlen. Der Osten sieht sich heute als das Opfer, das nach der Schändung durch den NS-Staat und den Kommunismus auch noch einer frechen Gesinnungsprüfung ausgesetzt wird – eine dreifache Demütigung. Man lässt sich Derartiges nicht gefallen und wählt mit dem Stolz des Beleidigten die AfD oder PiS. Gründungsmythen und Opfererzählungen sind eben zählebig, noch drei Jahrzehnte nach dem Zerfall des Eisernen Vorhangs entfalten sie ihre massenpsychologische Wirkung.

Das ist zugespitzt argumentiert – es gibt auch im Westen die AfD und auch im Osten Weltoffenheit, es gibt generationsspezifische Mentalitätsunterschiede, es gibt Opfer und Täter der Diktatur, und es gibt auch längst gemeinsame Erfahrungen. Aber es ist unverkennbar, dass der beständige Hinweis darauf, sich mit Pegida und der AfD gleichzeitig eine Verharmlosung der Nazi-Zeit einzuhandeln, im Osten einfach nicht verfängt. Im Gegenteil: Die Beschwörung der großen Gefahr scheint die Rechten dort nur zu nähren. Es gehört eben zur Überheblichkeit der westdeutsch geprägten Öffentlichkeit, weitgehend auszublenden, dass die jahrzehntelang betriebene und selbstverständlich gewordene Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur nicht so mühelos wie Konsumgüter in den Osten exportiert werden können. Der Empfänger verweigert die Annahme der unfrohen Botschaft, was den Absender nur gereizter macht.

Der Ost-West-Konflikt Europas spielt sich en miniature auch in Deutschland ab

Nicht die Flüchtlingskrise hat die Spaltung zwischen Ost und West erzeugt, sie hat sie aber besonders sichtbar gemacht. Wäre Ostdeutschland heute ein eigenständiger Staat, dann hätte er vermutlich eine den Polen oder Ungarn ähnelnde Regierungspolitik, die peinlichst auf Grenzschutz, patriotische Biederkeit, ethnische Homogenität und nationale Souveränität abzielt. Die Hegemonie des Westens im vereinten Deutschland hemmt vorerst eine Entwicklung, wie sie in den anderen ehemaligen Ostblockländern zu besichtigen ist. Der neue Ost-West-Konflikt in Europa spielt sich en miniature und konfliktreich auch innerhalb Deutschlands selbst ab – weshalb die Debatten heute auch unter Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen mit neuer Schärfe geführt werden.

Jedes Schulkind des Ostblocks lernte, dass die extremste Form des Kapitalismus der Faschismus sei. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Ostdeutsche nun ausgerechnet in ebendiesem, nunmehr fast vollständig globalisierten Kapitalismus gesagt bekommt, er selbst sei auf dem berühmten Auge blind. Und der eine oder andere dürfte sich, ausreichend in sozialistischer Dialektik geschult, die zynische Frage stellen, ob es nicht seltsam sei, sich ausgerechnet von jenen, die für die Fluchtursachen durch jahrzehntelange Ausbeutung der Welt verantwortlich sind, sagen zu lassen, wie philanthropisch man zu sein habe. Wird man nicht einmal mehr gezwungen, etwas auszubaden, wofür man gar nicht verantwortlich ist?

Spielball der Ideologien

Der Ostmensch glaubt, seit 1933 Spielball der Ideologien zu sein, und reagiert auf eine neue Runde von Verhaltensratschlägen allergisch. Weshalb er auf die Straße geht und abermals "Wir sind das Volk" schreit. Dem Westdeutschen ist ein derartiges Oppositionsgebaren völlig rätselhaft, er deutet es als Wiederkehr finsterster Zeiten. Ihm ist der demokratische Staat ein heiliger Ort der Freiheit. Dem Ostmenschen hingegen erscheint der Kapitalismus nur als eines der Systeme, die kommen und auch wieder vergehen können. Er steht nicht in kritischer Distanz zur Bundesrepublik, er steht in kritischer Distanz zu prinzipiell jeder Form von Staatlichkeit, weil sie sich ihm zuverlässig als vorübergehende und fragile Erscheinung offenbart hat.

Die Paradefigur des Wenderomans – etwa bei Ingo Schulze (Peter Holtz) – ist der unschuldig-putzige Schelm, der von der grotesken Weltgeschichte mal hierhin, mal dorthin geschubst wird. Er ist Opfer historischer Mächte, und "die da oben" treiben ihre ewigen Herrschaftsspielchen, wenn er nicht aufbegehrt. Gegenwind interpretiert der Ostmensch als Beweis dafür, sich mit der Macht angelegt zu haben. Den Vorwurf, rechts zu sein, kennt er allzu gut aus der DDR: Unangepasst zu sein bedeutete sogleich, als Faschist gebrandmarkt zu werden. Warum er auch in der Demokratie als rechts gilt, bleibt ihm so rätselhaft wie den Westdeutschen, warum er bloß so rechts ist. Der Ostmensch glaubt, durch seine vehemente Kritik für die Stabilität des Staates in der globalisierten Flüchtlingskrise einzustehen, die der Westmensch durch seine berechtigte, aber verspannte Vergangenheitsbewältigung und Gesinnungsethik aufs Spiel setzt. Der Westmensch hingegen glaubt, Humanität und Menschenfreundlichkeit zu bewahren, indem er dem Ostmenschen den Spiegel der eigenen Vergangenheitsbewältigung vors Gesicht hält. Die Spaltung zwischen Ost und West entzündet sich insgeheim an den unterschiedlichen Gründungsmythen: Der Westen ist für das "Dritte Reich" bis heute verantwortlich. Der Osten hatte den Antifaschismus als unverrückbares Faktum seit 1949 für sich proklamiert.

Ungleiche, aber gleichwertige Beschädigungserfahrungen

Kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks schrieb Jürgen Habermas Christa Wolf einen langen, höflichen, in mancher Hinsicht aber brüskierenden Brief. Christa Wolf hatte zuvor Habermas die ostdeutschen "Thesen für eine Vereinigte Akademie der Künste Berlin-Brandenburg" überreicht, in denen von ungleichen, aber gleichwertigen Beschädigungserfahrungen in Ost und West die Rede ist: Das Denken sei "auf beiden Seiten" beengt gewesen. Auf beiden Seiten habe es Weltmächte gegeben: "Anpassungen, die Spuren hinterlassen haben und die zu einer Differenz der Identitäten von Ostdeutschen und Westdeutschen geführt haben." Habermas führt in seinem Brief aus, wie sehr ihn diese "merkwürdige Konvergenzthese" befremdet. Keineswegs habe die Westorientierung, die er selbst vollzogen habe, eine "Verkrümmung der deutschen Seele bedeutet, sondern die Einübung in den aufrechten Gang". Er suggeriert damit: Die Weltoffenheit des Westens ist mit den beengten ostdeutschen Erfahrungen nicht auf eine Stufe zu stellen.

Im Rückblick haben interessanterweise beide recht, allerdings in zwei verschiedenen Aspekten der Auseinandersetzung. Man kann wohl behaupten, dass den Ostdeutschen die unbegrenzten Weiten des Westens verschlossen blieben, die Einübung in die Toleranz gegenüber fremden Kulturen und manch intellektueller Einfluss. Dem Westen fehlt dafür bis heute das Bewusstsein für die Fragilität des eigenen Systems, das nicht naturgegeben ist und herausgefordert werden kann.

In einem war Christa Wolf gewiss hellsichtig: in ihrer Annahme, dass die Identitäten von Ost und West manifest und langlebig sind – und es noch lange nicht ausgemacht ist, ob die Unterschiede fruchtbar werden oder auf dramatische Weise spaltend.