Bis zum ersten Absturz dauert es eine Viertelstunde. Der Schauspieler Pascal Houdus hüpft als Benjamin von Stuckrad-Barre an der Bühnenkante des Thalia Theaters herum, redet wild und wirr auf die Zuschauer in den ersten Reihen ein ("Leute, steht mal auf, steht mal auf!"), will ins Publikum springen, sich von ihm auffangen und auf Händen tragen lassen wie ein Rockstar. Dann stürzt er sich von der Bühne, ins Leere.

Rund 600 Seiten umfasst Panikherz, die Autobiografie des Popjournalisten Benjamin von Stuckrad-Barre, in der er seine Entwicklung vom Dorfdödel (Selbsteinschätzung) zum prominenten Schriftsteller und Junkie erzählt. Länger als drei Stunden dauert die Inszenierung des Stoffes, die Samstagabend im Thalia uraufgeführt wurde. Doch das ganze Drama steckt schon in der kurzen Szene des Bühnensturzes: Der Energieüberschuss des Benjamin von Stuckrad-Barre. Seine Suche nach Aufmerksamkeit. Die irre Idee, man könnte als Journalist, der über Pop und Stars schreibt, selbst ein Popstar sein. Die Selbstzerstörung.

Regisseur Christopher Rüping folgt der Chronologie und dem Sound seiner Textvorlage: Stuckrad-Barre wächst als Pastorensohn in Rotenburg (Wümme) auf. Es sind die achtziger Jahre, "Müsli" ist ein Schimpfwort, und seine Eltern sind genau das: Müslis. Was Benjamins Mitschülern wichtig ist, bleibt ihm verboten. Es gibt keine Markenklamotten, kein Nutella, keinen Pop, keine Flugreisen ins Warme. Der einzige Lichtblick in dieser kargen, protestantischen Körnerwelt sind Kassetten von Udo Lindenberg, die Benjamins älterer Bruder vom Zivildienst aus Hamburg mitbringt.

Lindenberg gilt vielen damals als verlebter, eher peinlicher Altrocker (das Buch Panikherz wird dreißig Jahre später sein Comeback begleiten), aber für Stuckrad-Barre eröffnen die Songs eine Welt: Sex, Rausch, Reeperbahn, Gefahr, "das elektrische Leben". Die Kunstfigur Udo ist der Beweis: Man kann anderswo ganz anders leben, viel intensiver. Stuckrad-Barre will dahin: ins Licht, ins Fernsehen, in den Exzess, in die Nächte, von denen man nie weiß, wie lang sie dauern, wo und mit wem sie enden werden.

Später wird der Fan seinem Idol begegnen, und in einer rührenden Wendung wird es Lindenberg sein, der Stuckrad-Barre nach Sucht und Entzug wieder aufbaut. In dieser Ikarus-Geschichte gibt es zweite Chancen. Mehr als einmal.

Im Thalia Theater ist Pascal Houdus der junge Stuckrad-Barre, Sebastian Zimmler der ältere, aber auch die anderen fünf Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen seine Zeilen und verkörpern seine Zustände. Diese Inszenierung spielt den Text, nicht seine Rollen. Konstant bleibt nur einer, rätselhaft, leicht entrückt: Wenyen You (spielt alternierend mit Cheng Ding) als Udo.

Stuckrad-Barre suchte die großen Effekte, Regisseur Rüping gönnt sie ihm: Nebel, Masken, Neonschrift, Musik und Video. Aber zwischen dem Blitzen und Blinken ist die Bühne karg und leer. Auf laute, komische Passagen (ein Höhepunkt: wie Stuckrad-Barre sich ein Jahrgangstreffen mit den alten Mitschülern ausmalt) folgen stille, drastische Schilderungen von Sucht, Einsamkeit, Verfall.

Panikherz ist ein starkes Stück, wird jedoch nach der Pause fahrig und verlabert. Affären bleiben unverbindlich, das große Abenteuer ist weg. Auch die Buchvorlage schwächelt auf den letzten 100 Seiten. Das ist die eigentliche Tragödie dieses Stoffes: Benjamin von Stuckrad-Barre ist jetzt nüchtern. Man merkt, was fehlt.

Weitere Termine: 23. März, 7., 18. April, 20 Uhr; 8. April, 17 Uhr