Armando Iannucci, der schottische Großmeister der Politsatire, hat aus der wohl fiesesten Office-Hierarchie der Weltgeschichte eine Workplace-Comedy gemacht: aus dem Politbüro der ehemaligen Sowjetunion nämlich. The Death of Stalin persifliert das Chaos, das dem Ableben des Großen Führers folgt, als Geheimdienstchef Beria (Simon Russell Beale) und Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) darum wetteifern, das entstandene Machtvakuum zu füllen. Achtung, Spoiler: Chruschtschow wird das Rennen machen. Ein Panorama an Kaltblütigkeit und Machthunger spannt sich auf – aber auch an Idiotie und Eitelkeit.

Das russische Kulturministerium hat die Aufführung des Films in Russland verboten, nachdem russische Parlamentarier "ideologische Kriegsführung" beklagten (womit sie sich selbst am besten auskennen dürften). Zugegebenermaßen muss es für einen patriotischen Russen schwer erträglich sein, das allmächtige sowjetische Politbüro als Versammlung von Hanswursten präsentiert zu bekommen. Doch Politiker und ihre Beamten als Hanswurste vorzuführen ist Iannuccis Spezialität.

Zu seinen Markenzeichen gehören der Mockumentary-Stil – der das Reality-Fernsehen mit seinen niedrigen Budgets und den schnellen Kameraschwenks parodiert – ebenso wie schnelle Dialoge und Kaskaden an äußerst erfinderischen Beleidigungen und Beschimpfungen. Wo Aaron Sorkin (The West Wing) technokratisches Weltverbesserungs-Pathos zelebriert, gibt es bei Iannucci nur hämische Bloßstellung. The Thick of It (2005–2012) persiflierte das dysfunktionale Innenleben eines britischen Ministeriums als Welt aus Spindoktoren, in der auf dem Weg zur Pressekonferenz noch schnell irgendein Gesetz entworfen wird. In seinem ersten Spielfilm In the Loop (2009) entsandte Iannucci dann das überforderte Personal aus The Thick of It nach Washington, wo amerikanische Bürokraten aus nackter Karrieregeilheit mit gefälschten Berichten einen Krieg im Nahen Osten anzetteln. Und in der HBO-Serie Veep schließlich verzweifelt seit 2012 Julia Louis-Dreyfus (Seinfeld) als unfähige Vizepräsidentin auf dem Abstellgleis an ihrer Entourage sich bekriegender Kleingeister. In keinem der Filme Iannuccis bekommt man je heraus, welcher Partei seine Politiker angehören. Angesichts der Maschinerie, in der sie sich befinden, scheint es auch egal zu sein; was zählt, sind der trotz mangelnder Fähigkeiten erbitterte Ehrgeiz und der Wille, für die Karriere über Leichen zu gehen.

Richtig lustig wird das, wenn die Leichen echt sind und im Hintergrund durch die Flure gerollt werden, während die gefürchtetsten Männer der UdSSR wie kopflose Hühner im Kreis rennen und versuchen, den eigenen Arsch zu retten. "Als ich sagte: ›Kein Problem!‹, meinte ich eigentlich: ›Ein Problem!‹, gackert ein von Jeffrey Tambor (Transparent) wunderbar überfordert gespielter Premierminister Malenkow in dem orwellianischen Doppelsprech, den die kleinen, zu Tode geängstigten Rädchen im Getriebe jeder Bürokratie draufhaben müssen, sei diese nun stalinistisch grundiert oder neoliberal-gouvernemental.

Bei Iannucci treffen sich die eitlen Anzugträger des 21. Jahrhunderts mit den alternden Revolutionären der ehemaligen Sowjetunion: als kriecherische Bürokraten. Wo aber in der technokratischen Welt der liberalen Demokratie von The Thick of It oder Veep vielleicht bloß die Entlassung droht, wartet im stalinistischen Russland von The Death of Stalin schon das nächste Erschießungskommando. Doch die Charaktereigenschaften, die in beiderlei Systemen blühen, scheinen für Iannucci erschreckend ähnlich zu sein.

Die hier versammelten britischen und amerikanischen Comedy-Darsteller verstehen es bravourös, auf der Klaviatur der Wesenszüge bürokratischer Angepasstheit und Hinterhältigkeit zu spielen. Steve Buscemi verleiht seinem Chruschtschow einen quäkenden Akzent, während er seiner Frau noch betrunken diktiert, welche Pointen bei Saufgelagen mit Stalin gezündet haben und welche nicht. Als Tochter Stalins verrutscht Andrea Riseburrough mehr als einmal das Gesicht ob des zum Slapstick sich steigernden Machtgerangels. Der Theaterschauspieler Simon Russell Beale umhüllt seinen Geheimdienstchef Beria mit einer shakespearehaft bösen Aura – es ist dies der letzte Rest Bestialität aus der eher brutalen als witzigen gleichnamigen französischen Comic-Vorlage, aus der Iannucci eine zwar tiefschwarze, aber unverhohlen lustige Komödie gemacht.

The Death of Stalin steigert sich zu einer Farce, das Ganze gipfelt schließlich in einem Crescendo aus Todesangst und Absurdität. Etwa die Szene (die auf eine wahre Begebenheit zurückgeht), in der der Direktor des Radioorchesters überraschend den Genossen Stalin am Apparat hat, der sich die Aufnahme eines bestimmten Konzerts wünscht. Blöd nur: Das Konzert war live, es gibt keine Aufnahme. Der Direktor sprintet in den Saal, um das Orchester festzuhalten, die Pianistin weiß geschickt einen hohen Preis für ihre Beteiligung auszuhandeln. Verzweifelt versucht der Direktor, auch das Publikum zum Bleiben zu bewegen: "Keine Angst, es wird keiner umgebracht, versprochen, Leute!", ruft er noch, da ist der Dirigent bereits vor Angst in Ohnmacht gefallen. Sofort wird ein Ersatzdirigent aus dem Bett geholt, der in der ersten Schrecksekunde glaubt, der Geheimdienst hämmere spätnachts an seine Tür – während dieser gerade damit beschäftigt ist, seine Nachbarn zu verhaften. Um der Akustik des Saals willen muss die Hälfte des Publikums, die bereits nach Hause gegangen ist, durch Bauern von der Straße ersetzt werden.

Während des Konzerts schlagen sie gelangweilt Butter – was der Sowjetunion gegenüber wirklich ungerecht ist, dieser so egalitären Kulturnation, in der selbst Kohlearbeiter zu Hause ihre Dostojewski-Gesamtausgaben bunkerten. Schon wurden Klagen von Historikern laut, dem Film mangele es am nötigen Respekt vor den Opfern des stalinistischen Regimes. Dabei ist es doch schon einige Jahre her, dass die Totalitarismus-Expertin Hannah Arendt ihre These von der Banalität des Bösen aufgestellt hat. Auf den damaligen Backlash angesprochen, antwortete sie in einem Interview bloß: "Die Leute nehmen mir eine Sache übel: dass ich da noch lachen kann."