Der eigenen Herkunft ist schwer zu entkommen, ähnlich wie der Haltlosigkeit, in die einen die Kindheit stürzen kann. Nicht zuletzt deshalb sind Betty, die Ich-Erzählerin aus Lucy Frickes viertem Roman Töchter, und Martha so enge Freundinnen. Sie stammen aus demselben trostlosen, bestenfalls kleinbürgerlichen Milieu. Sie wissen um den Schmerz, früh vom Vater verlassen und fürderhin nicht mehr beachtet worden zu sein.

Aber irgendwann, mit Vorliebe, wenn man selbst gerade die vierzig erreicht, tauchen sie dann eben doch wieder auf, die verschwundenen Väter. Martha wird überraschend von ihrem Vater, der unter Krebs im Endstadium leidet, gebeten, dass sie ihn zu einer Freitod-Einrichtung in der Schweiz fahre. Im Falle von Betty, die sich neben ihrem Erzeuger als Kind mit verschiedenen, mehr oder weniger katastrophalen Stiefvätern hat herumschlagen müssen, wird lediglich der Wunsch stark, immerhin das Grab des einzigen Freundes der Mutter zu besuchen, an dem sie als Mädchen leidenschaftlich gehangen hat. Dieser italienische Posaunist, von dem Betty nur durch einen Zufall weiß, dass er in der kleinen Gemeinde Bellegra nördlich von Rom bestattet ist, hat die Mutter von einem Tag auf den anderen verlassen und sich nie wieder gemeldet.

Wie ein Fluch liegt diese erste Enttäuschung über Bettys Leben, das sie kinderlos auf Reisen oder an Kneipentresen verbringt, während sie mit Antidepressiva versucht, die Trauer über ihre gescheiterten Beziehungen in habituelle Coolness zu verwandeln. Martha hingegen will die Defizite der Kindheit durch die Gründung einer eigenen Familie kompensieren, weshalb sie, die Verheiratete, seit Monaten vergeblich versucht, qua künstliche Befruchtung schwanger zu werden.

Bevor sich Betty also nach Bellegra aufmachen kann, muss Marthas moribunder Vater in die Schweiz gebracht werden, eine letzte Reise, die er zwingend auf dem Rücksitz seines ramponierten Golf zu unternehmen wünscht. Fahren muss Betty, weil Martha sich nach einem Unfall nicht mehr ans Steuer traut.

Was bedrückend beginnt – der Vater ist inkontinent, hustet Blut und ist von einer deprimierenden Gleichgültigkeit, die sein gesamtes Dasein bestimmt hat –, nimmt nachgerade hinter jeder Kurve groteskere Züge an. Marthas Vater muss alsbald eingestehen, dass der Freitod-Termin eine Finte war, tatsächlich möchte er zu seiner großen Liebe kutschiert werden, die ihn vor Jahrzehnten beim ersten gemeinsamen Urlaub am Lago Maggiore verlassen hat und dort nun eine kleine Pension betreibt.

Nachdem sich diese Dame nicht als Morphium-Fantasie des siechen Mannes herausgestellt hat, fahren die beiden Frauen allein weiter, auf der Spur des zweiten Vater-Schattens. Nicht nur in die sehr wenig glamouröse italienische Provinz wird es die beiden verschlagen, sondern schließlich auch noch auf ein griechisches Inselparadies, auf dem Beinahe-Tote und vermeintlich Tote zusammen italienische Schlager singen.

Das klingt alles zu schön, um wahr zu sein. Und vermutlich ist es das auch gar nicht, schließlich ist Betty nicht nur eine Erzählerin, die ihre Versehrtheiten und Nöte punktgenau benennen kann, ohne in Larmoyanz zu verfallen. Sie ist auch eine erstaunlich trinkfeste Schriftstellerin mit einem Hang zu trockenem, selbstironischem Witz, eine Fort- und Umschreiberin der Wirklichkeit mithin. Mit letzter Sicherheit ist nicht zu entscheiden, wann dieser Roadtrip von der Straße abgezweigt und in die Gefilde der Fantasie eingebogen ist. Aber das ist auch vollends nebensächlich, wenn die 1974 geborene Lucy Fricke uns zeigt, dass manchmal schon eine Geschichte genügt, so unwahrscheinlich und romantisch sie auch sein mag, um sich aus den eigenen Abgründen heraufzuziehen.

Lucy Fricke: Töchter.
Roman; Rowohlt Verlag, Reinbek 2018; 240 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €