Wer heute die Wohnung werdender Eltern betritt, gelangt in ein pränatales Kuriositätenkabinett. Es öffnen sich Räume, in denen die Phase der Schwangerschaft zum ästhetischen Ausnahmeerlebnis avanciert. An die rosa Torte aus zusammengerollten Babywindeln hat man sich ja schon irgendwie gewöhnt. Auch den inzwischen notorischen Gipsabdruck vom Babybauch nimmt man gelassen zur Kenntnis – selbst dann, wenn die Torso-Schale als witzig gemeinter Lampenschirm überm Esstisch baumelt. Durchaus gängig sind auch all die wäscheleinenmäßig über ein Sofa gespannten Ultraschallbildchen mit ihren, nun ja, grotesk verquollenen Halbköpfchen. Was dann aber doch überrascht: ein Fötus aus Hartplastik, thronend auf einem kleinen roten Kissen im Billy-Regal.

Gewiefte Firmen haben die Sehnsucht werdender Eltern nach einem ebenso frühzeitigen wie definitiven Beweis des kommenden Kindes erkannt – und füttern 3-D-Drucker mit den Sonografie-Daten vom letzten Screening. Die Plastikfigur ist in verschiedenen Größen zu bestellen, hat stets daumenlutschend die Hockstellung eingenommen und wird mit hautähnlicher Farbe bemalt. Per Paketzustellung lässt sich dann frei Haus empfangen, was doch erst in Monaten das Licht der Welt erblicken soll. So wird das Ungeborene erst zum Bild und dann zum Objekt seiner selbst – lange bevor es als vollgültiges Subjekt in den Kreis der Lebenden tritt.

Zu Familien zählen nicht nur die Körper ihrer lebenden Mitglieder. Die meisten Familien bestimmen ihren sozialen Bund auch dadurch, dass sie jene Körper zu sich hinzurechnen, die entweder noch nicht geboren oder aber bereits verstorben sind. Kommenden wie Gegangenen werden Plätze im Alltag eingeräumt. Sie sollen dazugehören. Ihre Präsenz aber darf nicht abstrakt bleiben. Um sie ästhetisch erlebbar zu machen, braucht es eigens eingesetzte Objekte. Sie dienen dazu, die Abwesenden in symbolischer Weise zu materialisieren; sie sind Fixpunkte, auf die sich Hoffnungen wie Erinnerungen richten lassen.

Bilder zählen in besonderer Weise zu solchen Objekten, denn Sichtbarkeit gilt in der westlichen Moderne als ebenso eigenständiger wie auszeichnender Wert. Was sichtbar ist, scheint nicht nur mit dem Nimbus der Gewissheit, sondern auch mit dem Vorzug des Herausragenden versehen. Das Ungeborene aber ist ein dem direkten Blick Entzogenes. Umso fordernder ist das Verlangen, Schwangerschaften durch die Herstellung einer möglichst lückenlosen Transparenz unter vermeintliche Kontrolle zu bringen.

Ohne jeden medizindiagnostischen Auftrag – aber mit ökonomischem Gewinninteresse! – dringen rein kommerziell agierende Ultraschallstudios in die Blackbox Uterus ein. Baby-TV mit Spektakelfötus. "Sehen Sie Ihr Kind bereits vor der Geburt!", lautet ihr Slogan, oder: "Wir geben Ihrem Baby ein Gesicht und eine Gestalt!" Die so entstehenden Aufnahmen eignen sich hervorragend, um als DVD-Loop die inzwischen weit verbreite Fötus-Party visuell auszustatten.

So wird aus dem unfassbaren Innendrin ein bildhaftes Gegenüber, das nicht selten wie eine Triumphmarke über Social Media der Weltöffentlichkeit mitgeteilt wird.

Der Rückgang der Geburtenrate hat dazu geführt, dass Kinder zur biografischen Ausnahmeerscheinung verknappt wurden. In unserer Gesellschaft des Wohlstands sind Ausnahmen wiederum aufs Engste mit einer Praxis der medialen Ästhetisierung verknüpft: Nur was als Ausnahme ästhetisch erlebbar wird, hat den Sprung vom Seltenen zum Besonderen gemeistert. Um also die biografische Seltenheit einer Schwangerschaft als sensationelle Überbietung des Alltags erfahren zu können, braucht es größeren inszenatorischen Aufwand. Erst dieser erzeugt intensivierte persönliche Erlebnisse und ermöglicht schließlich Momente der Identifikation. Hinter der oft eventartigen Sichtbarmachung des ungeborenen Körpers steht somit der dringliche Wunsch, das kommende Kind in die Familie einzugliedern – ja die Idee, überhaupt so etwas wie eine familiäre Gewissheit schaffen zu können.

Doch pränataler Glanz und Glitzer ist ohne Schattenseiten nicht zu haben. Die Ikonisierung des Ungeborenen vollzieht sich auf Kosten eines emanzipatorischen Frauenbildes. Schwangerschaftsratgeber, -magazine und -Internetforen strotzen nur so vor Verhaltensregeln. Weniger die Partner als die Schwangeren selbst haben diese zu befolgen, sofern ihnen die geistige Bildung und körperliche Unversehrtheit des Kindes wichtig ist – so jedenfalls das Credo. Nahrungsergänzungsmittel, Entspannungsübungen, Bewegungstipps und unzählige Cremes und Öle erzeugen ein Klima allgemeiner Pathologisierung: Die Schwangere wird durch die Semantik der Produkte wie ein Pflegefall adressiert und in den Dienst des Ungeborenen gestellt. Dessen Subjektivierung führt zur Objektivierung der werdenden Mutter.