Neun Uhr morgens im ulkigen Café Ursprung im Keller des Berliner Kulturkaufhauses Dussmann (man sitzt vor einer Dschungelpflanzenwand mit Wasserbecken davor). Es ist die Woche der Wahl Angela Merkels zur Kanzlerin und der Vereidigung der Bundesminister. Wolfgang Kubicki, 66, studierter Volkswirt und Jurist, ist stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender und Vizepräsident des Bundestags. Der Sozialliberale Kubicki hat in der Öffentlichkeit derzeit einen guten Lauf (auch deshalb, weil sich Teile der FDP nach dem Jamaika-Flop in einem nationalliberalen Kurs verlieren). Zuletzt verschaffte er sich Respekt, als er die AfD in einer betont kühlen und unaufgeregten Rede im Bundestag zerlegte ("intellektuelle Erbärmlichkeit"). Klar, dieser Kubicki gehört zum Politikertypus der alten Schule (Schröder, Fischer), er mag das Raufen, bei Frauen kommt sein Degenfechter-Charme nicht immer gut an.

Weich gekochtes Ei, zwei Brötchenhälften mit Butter. Er wird das aushalten müssen, dass wir ihm ein paar asoziale Fragen verpassen, er langt ja selber gerne hin. Hat ihm das gute Laune gemacht, wie der noch nicht vereidigte Minister Jens Spahn nach vorne stürmte und – im besten Kubicki-Stil – provokative und rhetorisch gut sitzende Aussagen zu Hartz IV machte? "Nein. Jens Spahn hat den Eindruck vermittelt, dass Menschen von Hartz-IV-Leistungen gut leben können. Das ist weder richtig, noch ist es mein Stil." Steht es für ihn persönlich fest, dass die Bundeskanzlerin noch vor Ende der Legislaturperiode zurücktritt? Kubicki erklärt, er gehe davon aus, dass Merkel, entgegen allen Beteuerungen, spätestens nach zwei Jahren den Staffelstab an ihre Wunschkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer übergeben möchte. Allerdings bezweifle er, dass die Regierung überhaupt so lange halte.

Wir müssen mit ihm über die größte Oppositionspartei im Bund, die AfD, reden, und natürlich wollen wir etwas von seiner kalten Geringschätzung, ja Verachtung für diese Partei haben. Von welcher abstrusen Szene im Bundestag mit der AfD kann er berichten? Die FDP sitze ja neben der AfD-Fraktion. Da könne er einiges erzählen. Bei einer Debatte zu Integration und zum Holocaust sei aus den AfD-Reihen sinngemäß der Zwischenruf gekommen, man habe im "Dritten Reich" noch viel zu wenig getan: "Da war ich fassungslos. Wenn ich mitbekommen hätte, von wem genau die Aussage kam, ich wäre aufgestanden und hätte dem Typen eine geknallt."

Der Befürworter von Jamaika- und Ampelkoalitionen referiert nun die Machtoptionen der FDP für 2021. Kubicki neigt dazu, beim zügigen Reden ins Haspeln zu geraten. Für ihn vollkommen klar, dass die FDP ein Frauenproblem hat? Er guckt einen mitleidig an: "Richtig ist, dass wir zu wenig Frauen haben, die sich politisch engagieren. Das ist aber bei den Grünen und den Sozialdemokraten nicht anders." Im politischen Berlin hört man von Frauen, vor allem grünen Frauen, die sich über die Handküsse mokieren, die der Politiker gelegentlich gibt. Was ist das für eine Welt, die den Handkuss nicht mehr versteht, Herr Kubicki? "Der Handkuss ist eine Höflichkeits- und Demutsgeste. Ich halte auch gerne Türen auf."

Plaudereien auf der Kulturkaufhaus-Treppe. Seine klugen Flunker-Äuglein, sie vermitteln einem unentwegt – und das sagt doch einiges darüber, wie so einer Politik macht –, dass es unter diesem Interview noch eine inoffizielle, eine wesentlich interessantere Ebene gibt, auf der sich richtig unterhalten wird. Das Angebot des praktizierenden Anwalts und Strafverteidigers lautet: Sie müssen mir nicht sympathisch sein, Herr Kollege. Wenn Sie sich nicht ganz dumm anstellen, dann kriegen wir vielleicht gemeinsam etwas hin.

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Richtigstellung
In der Ursprungsfassung des obigen Artikels haben wir Wolfgang Kubicki mit den Worten zitiert, er habe von einem Typen aus der AfD-Bundestagsfraktion den Zwischenruf gehört, "man habe im "Dritten Reich" noch viel zu wenig Juden umgebracht". Dieses Zitat hat Wolfgang Kubicki nicht autorisiert. Es hätte heißen müssen: "man habe im "Dritten Reich" noch viel zu wenig getan". Wir stellen das hiermit richtig.