Donald Trump liebt Superlative. Hier ist einer: Er ist das wohl meistbeäugte Individuum in der Geschichte der Menschheit. Täglich beschäftigen sich Abermillionen Menschen mit ihm. Das liegt an den Möglichkeiten und Verführungen der "sozial" genannten Medien – aber auch an seiner ganz eigenen Verbindung von Macht und Pornografie, wenn man Letztere definiert als: maximale Nähe bei minimalem Kontext.

Die Verführung ist also immens, ihn ständig anzustarren, auszudeuten oder sich über ihn lustig zu machen. Nur eines droht hinter dieser Hyperpräsenz zu verschwinden: Amerika. Trump wirkt so, als wäre er von irgendwoher (von Russland?) ins Weiße Haus gebeamt worden, um dort seinen unglückseligen Charakter zum wohligen Entsetzen aller voll auszuleben.

Die Kosten der Hegemonie übersteigen die Profite der Hegemonie, so einfach ist das

Aber so ist es nicht. Trump stellt das Symptom eines schwer erkrankten Landes dar, fast alle seine persönlichen Widersprüche sind in Wahrheit die politischen Widersprüche der USA. Wenn der Präsident heute die Waffengesetze ändern will und es morgen unterlässt, dann entspricht das exakt der Gespaltenheit des Landes in dieser – wie in allen anderen Fragen. Wenn Trump der epidemischen Drogensucht den Kampf ansagt, so ist von vornherein klar, dass wenig passieren wird, weil diese Epidemie erst durch das kranke Gesundheitssystem geschaffen wurde, das er und die Republikaner keinesfalls heilen wollen. Wenn Trump unablässig die öffentliche Meinung polarisiert, dann weil die Wahlbezirke so geschnitten sind, dass nur Polarisierung zum Erfolg führt. Wenn er sich zum Anwalt des gewöhnlichen Amerikaners macht, dann wissen alle, dass die Übermacht der Reichen ihn dazu bringen wird, als Erstes seine Mitmilliardäre zu bedienen.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen – bis sie fast alle lebenswichtigen Systeme der USA umfasste: Öffentlichkeit, Bildung, Gesundheit, Militär, Wahlrecht, Rassenfragen, soziale Ungleichheit, Landwirtschaft, Ökologie, Todesstrafe, Waffenbesitz. Auch die berühmten Checks and Balances wurden in Wirklichkeit noch nicht richtig getestet. Dass Trump mit der einen oder anderen Verrücktheit noch nicht durchgekommen ist, liegt weniger an den Gegenkräften als an seiner fehlenden Konzentration und Organisation.

Die spannende Frage ist nun, ob es irgendwann eine Rückkehr zur Normalität geben kann. Dafür spricht leider fast nichts. Die USA wurden nicht von Trump aus der Normalität gekippt, vielmehr wurde Trump gewählt, weil die Normalität schon länger suspendiert war. Das Konzept USA, die moralisch und militärisch dominierende Macht der Welt zu sein, darein zu investieren und daraus so viele Sonderprofite zu ziehen, dass die häuslichen Widersprüche behoben oder wenigstens gemildert werden konnten – dieses Konzept ist perdu.

Zwar sind die USA noch immer mächtiger als jeder andere Staat, aber nicht mehr mächtiger als alle anderen zusammen oder auch nur zwei, drei von ihnen. Vor allem sind sie nicht mehr mächtig genug, um der Welt eine Ordnung nach eigenem Gusto aufzuzwingen.

Die Hegemonialkosten übersteigen die Hegemonialgewinne – so einfach ist das.

Infolgedessen werden die USA nicht einmal mehr mit Nordkorea oder dem Iran noch fertig, geschweige denn mit Russland oder gar China. Und Donald Trumps Versuch, schwindende Macht durch verdoppelten Bluff oder verschärfte Unberechenbarkeit zu kompensieren, wird sich entweder verschleißen oder alsbald in Kriegen enden.

Und so bleibt die zweite spannende Frage: Sind die Amerikaner noch zu retten? Im Prinzip bestimmt, allerdings nicht mehr mit graduellen Veränderungen. Das Land muss, sobald es wieder zu sich gekommen ist, seine vielen systemischen Probleme im Inneren rasch und gleichzeitig lösen. Außenpolitisch wiederum muss es vom höchsten Ross der Weltgeschichte, auf dem das Land lange und teils zu Recht gesessen hat, herunter, es braucht ein moderates Selbstbewusstsein jenseits von Superlativen und Suprematie.

Kann es diese USA geben: stark unter Starken, bescheiden, aber nicht nachgiebig, moralisch, aber nicht überlegen? Wer die Demonstration der Jugendlichen und Kinder am vergangenen Samstag gesehen hat, wer ihnen in die Augen geschaut und ihrem Schweigen zugehört hat, der möchte denken: Ja, Amerika kann das.

Hoffentlich werden sie schnell erwachsen.

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