Birgit Dräger, 60, ist seit 2015 Kanzlerin der Universität Leipzig. Sie ist die erste
Frau, die diesen Posten an der Hochschule innehat.

Dass Frauen typisch weiblich und Männer typisch männlich auftreten, erlebe ich selten. Im Gegenteil: Gerade Wissenschaftlerinnen, die um eine Professur verhandeln, setzen sehr oft ihre Vorstellungen durch. Die sind nicht zurückhaltend. Ich sitze teilweise sehr fordernden Frauen gegenüber. Und manchmal sehr bescheidenen Männern.

Auch sonst hat sich viel verändert. Früher war man der Meinung, Familie sei Privatsache. Aus Arbeitgebersicht ist diese Haltung falsch. Gerade an Hochschulen im Osten gab es nach der Wende die berüchtigten Di-Mi-Do-Professoren, also Forscher, die ständig pendelten. Das war für alle Beteiligten schlecht. Menschen arbeiten besser, wenn sie zufrieden sind und die Familie in der Nähe lebt. Deshalb frage ich in jeder Verhandlung, ob ein Partner mitkommt und ob wir dabei helfen können.

Wir haben gute Gründe, uns hier Mühe zu geben. Wenn eine Professur neu besetzt wird, durchlaufen die Kandidaten ein langes Verfahren: Sie bewerben sich, werden eingeladen, tauschen sich mit der Kommission aus, die dem Fakultätsrat dann Vorschläge unterbreitet. Mit der Person, die auf Platz eins der Liste landet, führe ich die Verhandlung, meist gemeinsam mit der Rektorin. Vorher frage ich beim Leiter der Prüfungskommission nach, wie groß der Abstand zur Nummer zwei auf der Liste ist. Mitunter heißt es dann, dass eigentlich nur diese Kandidatin infrage kommt und wir alles daransetzen müssen, sie zu gewinnen.

"Wir sind kein Konzern, wir können mit den Gehältern oder Ausstattungen der freien Wirtschaft nicht mithalten. "
Birgit Dräger, Kanzlerin der Universität Leipzig

Das Gehalt wird bei uns traditionell zuletzt verhandelt. Es geht los mit Personal- und Geräteausstattung, Laboratorien, Sekretariat, manchmal auch Fahrzeugen. Viel Spielraum habe ich nicht, aber wir lassen Verhandlungen nicht an 5.000 Euro Sachmitteln oder an einer halben Doktorandenstelle scheitern. Das quetsche ich dann im Zweifel noch aus irgendeiner Ecke des Etats.

Wir wägen immer ab, was angemessen und vertretbar ist. Sonst besteht die Gefahr, dass es nach innen böses Blut gibt, dass altgediente Professorinnen und Professoren das Gefühl haben, sie seien der Universität nichts mehr wert. Es geht um die richtige Balance. Natürlich wollen wir auf dem Weg zur Exzellenz-Universität Spitzenleistungen honorieren. Aber nicht um den Preis, den Rest der Forscher zu frustrieren.

Gelegentlich muss ich deshalb die Forderungen der Berufenen bremsen. Wir sind kein Konzern, wir können mit den Gehältern oder Ausstattungen der freien Wirtschaft nicht mithalten. Gerade in Fächern mit starker Industriekonkurrenz rufe ich den Kandidaten manchmal in Erinnerung, dass eine akademische Karriere – für die sie sich ja entschieden haben – nun mal andere Arbeitsbedingungen hat.

Das schmälert unser Selbstbewusstsein als Universität aber keineswegs. Denn wir bieten etwas, das die Wirtschaft nicht bieten kann: das wunderbare Gefühl der Freiheit der Forschung.