Vier Tage hat Ton Koopman noch Zeit, dann muss er mal wieder eine Sternstunde der Menschheit abliefern. Dann wird es Freitagabend sein, die Kronleuchter im Concertgebouw in Amsterdam werden festlich erstrahlen, die samtrot bezogenen Sitzreihen sich füllen, das Publikum wird erwartungsvoll hochblicken zu Pult, Orchester, Orgel und Chor, und dann wird Ton Koopman den Taktstock heben und eine jahrhundertealte Musik entfesseln, die aus den Notenblättern in die Hände der Musiker und die Stimmen der Sänger fahren und schließlich in den Saal branden wird. Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach.

Noch aber ist Dienstag. Noch wird geprobt. Der große Konzertsaal ist menschenleer, nur ein paar Mäntel und Instrumentenkoffer liegen auf den Stühlen. Auf der Bühne sitzt der Dirigent Koopman mit einer Handvoll Musiker und arbeitet an den Rezitativ-Passagen. "Ob du seiest Christus" – Pause – "der Sohn Gottes", singt Koopman, ein zarter älterer Herr in Pullunder und Cordhose, mit dünner Stimme dem Sänger vor, der den Hohepriester geben wird. Es geht um den Moment, in dem Jesus der Gotteslästerung überführt werden soll.

Das Originalmanuskript der "Matthäus-Passion" von 1729 © Lebrecht / culture-images

Die Geschichte, die in der Matthäus-Passion erzählt wird, gehört zu den ältesten und bekanntesten der Menschheit, sie stammt aus der Bibel. Gott wird ermordet. Jesus, "wahr’ Mensch und Gott", erfährt am eigenen Leib, wie es ist, sterben zu müssen, einschließlich der entsetzlichen Angst davor und der Agonie währenddessen. Die Menschen bringen ihn, den Propheten der Liebe, um. Seine eigenen Jünger verraten und verlassen ihn, das Volk verlangt das Todesurteil. Am Ende wird Jesus auf sadistische Weise hingerichtet.

Es ist eigentlich eine entsetzliche Geschichte, die Bach in seiner Passionsmusik vertont hat. Aber für Ton Koopman, einen der wichtigsten Bach-Dirigenten unserer Zeit, gibt es nichts Größeres als diese Musik. Nach der Probe sitzt Koopman in seiner Garderobe, einem geräumigen, eleganten Zimmer im Erdgeschoss des Concertgebouw, und sagt: "Ich bin ein Mann der alten Musik. Vielleicht würden andere sagen, Strawinski oder Schostakowitsch dürfe man nicht außer Acht lassen. Aber für mich war Bach ein Mensch vom Rang eines Michelangelo oder eines Leonardo. In der Musik kommt keiner in seine Nähe."

Für Koopman ist das eine logische Kette: Musik ist der höchste Ausdruck des Menschen. Bach ist der größte Komponist, der je gelebt hat. Zusammen mit der Johannes-Passion und der h-Moll-Messe, Koopman kann sich unter diesen Werken nicht entscheiden, ist die Matthäus-Passion das größte Werk, das Bach geschrieben hat. Daraus folgt: Die Matthäus-Passion ist das größte Werk der Menschheitsgeschichte. Nie wurde etwas Grandioseres geschaffen.

Wussten Sie, dass diese Musik, die rund um Ostern in Kirchen und Konzertsälen in der ganzen Welt gespielt wird, fast vergessen worden wäre? Johann Sebastian Bach starb 1750. Danach war er ziemlich tot. Bis auf ein paar Schüler und Musikexperten interessierte sich erst mal niemand mehr für ihn. Auf Bachs Grab in Leipzig stand noch nicht einmal ein Stein, die Familie hatte sich keinen leisten können, der Stadt schien der Tote einer solchen Ehre nicht wert. Ab und zu wurde in Leipzig noch eine Bach-Kantate aufgeführt. Aber die meisten von Bachs Noten moderten lange in irgendwelchen Schubladen und Archiven vor sich hin. Da hatte halt einer Musik gemacht für seine Mitmenschen und war dann unter die Erde gegangen. Kommt vor.

Heute klingt es verrückt, dass die Leipziger nicht ein Jahr Trauer trugen, mindestens, dass die Menschheit nicht insgesamt aufheulte und diesen Verlust in allen Siedlungen beklagte, als sei ein großes Gestirn erloschen. 333 Jahre nach seiner Geburt ist Johann Sebastian Bach heute nicht nur für Koopman einer der größten Musiker, die es je gab. Für viele Menschen war er so etwas wie ein Wunder oder ein Prophet oder zumindest ein unbegreiflich großes Genie. Vielleicht war Bach ja wirklich der GOAT, der Greatest Of All Time, als den ihn auch die New York Times vor ein paar Jahren bezeichnete, aber wie will man das beurteilen? Es gibt ja keine objektiven Maßstäbe für Größe in der Kunst.

Man könnte sich an die nachgeborenen Kollegen halten.

Mozart: "Bach ist der Vater, wir sind die Buben. Wer von uns was Rechtes kann, hat’s von ihm gelernt."

Beethoven: "Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen!"

Wagner: "Das erstaunlichste musikalische Wunder aller Zeiten."

Je größer der zeitliche Abstand, desto unvorstellbarer schien den Musikern Bachs Werk zu werden. Der zeitgenössische amerikanische Komponist David Cope, um den es in diesem Text später auch noch gehen soll, wurde vor einer Weile gefragt, warum Bach auf der Liste seiner fünf liebsten Komponisten nicht auftauche. "Ich würde in die Liste der fünf größten Religionsstifter ja auch nicht Gott aufnehmen", antwortete Cope.