Wenn Wolfgang Schäuble Journalisten ein Interview gibt, geht es meist um Macht und Geld. Selten spricht er über seine liebste Freizeitbeschäftigung: klassische Musik hören. Als Jugendlicher spielte er Geige, als Finanzminister etablierte er eine Konzertreihe im Ministerium, von Angela Merkel lässt er sich Operntipps geben. Fast jede Woche ist er bei den Berliner Philharmonikern.

Kaum einen Komponisten verehrt Wolfgang Schäuble so sehr wie Johann Sebastian Bach. Und kein Werk Bachs berührt ihn so sehr wie die "Matthäus-Passion". Am vergangenen Mittwoch, dem 333. Geburtstag des Komponisten, sitzt Wolfgang Schäuble in seinem frisch bezogenen Bundestagspräsidenten-Büro und hat eine halbe Stunde Zeit, um über seine Liebe zu Bach zu sprechen.

DIE ZEIT: Herr Schäuble, wie und wo hören Sie die Matthäus-Passion am liebsten?

Wolfgang Schäuble: Gern im Konzert, lieber noch in der Kirche. Am liebsten im Freiburger Münster, einmal im Jahr, in der Fastenzeit vor Ostern. Dort sind die Bänke hart, und es ist kalt.

ZEIT: Warum dort?

Schäuble: Weil die Matthäus-Passion als sakrales Kunstwerk den sakralen Raum braucht, um richtig zu wirken. Die beiden Passionen Bachs, die Matthäus-Passion und die Johannes-Passion, thematisieren das menschliche Leid im Angesicht Gottes.

ZEIT: Man sollte also leiden, wenn man Bach hört?

Schäuble: Sagen wir so: Ohne die Zumutung kann man den Genuss, den Bach für einen bereithält, nicht richtig genießen. Die Matthäus-Passion packt einen zweieinhalb Stunden lang und lässt einen nicht los. Danach ist man ergriffen, aber auch erschöpft. So soll es sein.

ZEIT: Können Sie sich nach einem langen Arbeitstag einer solchen Erschöpfung aussetzen?

Schäuble: Natürlich nicht. Die Matthäus-Passion lässt sich nicht nebenbei oder nach Feierabend konsumieren. Dazu braucht man Zeit und innere Bereitschaft. Man muss sich vorbereiten.

ZEIT: Vorbereiten?

Schäuble: Zur Ruhe kommen, sich sammeln. Wenn ich daheim in Offenburg bin und von dort zur Matthäus-Passion nach Freiburg fahre, genieße ich die Stunde Ruhe im Auto und versuche, möglichst wenig zu reden. In Berlin lässt sich die Geschäftigkeit des Alltags nur selten vergessen. Vor Kurzem durfte ich so einen Moment erleben. Im Reichstag wurde bei einer Konzertveranstaltung Schubert gespielt, eine Dreiviertelstunde lang. Durch die Fenster schien die Sonne. Der Himmel war blau, nur ein paar Wolken. Es war herrlich.

ZEIT: Können Sie sich fallen lassen, wenn Sie klassische Musik hören?

Schäuble: Fallen lassen, versenken – Sie können es nennen, wie Sie wollen. Anders kann ich Musik nicht empfinden. Ich bin für Berieselung nicht geschaffen.

ZEIT: Kommt es manchmal vor, dass Sie weinen, wenn Sie Bach hören?

Schäuble: Weinen ist nicht gerade meine Stärke. Ich bin auf andere Art ergriffen.

ZEIT: Wie können wir uns das vorstellen?

Schäuble: Es wird still in mir.

ZEIT: Denken Sie an den Tod, wenn Sie die Matthäus-Passion hören?

Schäuble: Das ganze Werk ist eine Reflexion über die Sterblichkeit. Wer es hört und nicht an den Tod denkt, ist wohl nicht ganz bei der Sache.

ZEIT: Bachs große Themen sind das Leid, das Opfer, die Schuld und die Vergänglichkeit. Was sagt einem das heute?

Schäuble: In seinen Passionen zeigt Bach, wie der Mensch ist: nicht großartig oder heldenhaft, sondern sündig und begrenzt. Der Mensch lügt, er verrät, er manipuliert, lässt sich manipulieren. Die ganze Politikgeschichte wird, wenn Sie so wollen, in den Passionen mit verhandelt.

ZEIT: Bachs Blick auf die Menschheit war nicht gerade optimistisch.

Schäuble: Das ist das Menschenbild, das dem Christentum zugrunde liegt. Jedenfalls in der protestantischen Interpretation, und ich bin nun mal Protestant. Wir alle, das ist als evangelischer Christ meine Überzeugung, sind erlösungsbedürftig und in Schuld und Sünde gefangen. Aus diesem Glauben heraus mache ich Politik: nicht für die Menschen, wie sie sein sollen, sondern für die Menschen, wie sie sind. Das unterscheidet den Politiker vom Ideologen. Der Ideologe lehnt das Leben ab, indem er vorgibt, es besser zu machen.