Niemand weiß genau, wie viele Vertriebene aus Aleppo und anderen kriegsgebeutelten Teilen Syriens in den letzten Jahren nach Afrin gekommen sind, es dürften allerdings bis zu 300 000 Personen sein. KurdInnen aus Aleppo fanden oft bei Verwandten Unterschlupf und Unterstützung. Aber auch AraberInnen und Angehörige anderer Minderheiten wurden aufgenommen. Wer völlig mittellos nach Afrin gekommen ist, hat zumindest ein Zelt und einen sicheren Platz bekommen.

Im Februar 2015 hatte ich die Gelegenheit, eines dieser Zeltlager von mittellosen Vertriebenen aus Aleppo zu besuchen. Im Robar Camp in der Nähe des Dorfes Basilê lebten damals 30 arabische Familien, die alle in Zelten untergebracht waren. Das Dorf Basilê liegt auf dem Hochplateau des Gabal Sim’ān. Das Zeltlager lag noch etwas weiter auf der Hochebene, nur sieben Kilometer von der Regime-Enklave Nubl und az-Zahrā sowie der jihadistischen Jabhat al-Nusra auf der anderen Seite entfernt. 2013 war ihnen die Flucht aus dem umkämpften Aleppo gelungen. Die Zelte wurden von einem vielleicht 70-jährigen Bewohner des Dorfes Basilê bewacht, der die ganze Nacht in einer kleinen Behausung an einem Ölofen saß und für den Notfall seine Kalaschnikow neben sich hatte. Nicht weil sich die Kurden aus Basilê vor ihren arabischen Gästen gefürchtet hätten, sondern weil die Frontlinien nicht weit und die Berge einsam waren und man sich doch irgendwie für die Sicherheit der Gäste verantwortlich fühlte. Zaki Sultane, so hieß der alte Wächter, war selbst erst zu Beginn des Bürgerkriegs aus Aleppo in sein Dorf zurückgekommen. In Aleppo hatte er ein kleines Shwarma-Lokal, das aber irgendwann auf der Frontlinie zwischen Rebellen und Regime zu liegen kam, weshalb er sich in sein altes Dorf zu seinen Verwandten zurückzog.

Die Flüchtlinge, mit denen man problemlos ohne Bewachung sprechen konnte, waren insgesamt mit ihrer Situation relativ zufrieden, zumindest waren sie dankbar, von den KurdInnen aufgenommen zu werden und damit vorerst dem Krieg entkommen zu sein. Trotzdem wären sie lieber in der Stadt gewesen. Die Kinder machten einen schlecht gekleideten Eindruck und erhielten auch nur sehr rudimentäre Schulbildung. Die Männer versuchten jeden Tag mit dem Bus in die Stadt Afrin zu fahren, um dort eine Arbeit als Tagelöhner zu bekommen. Eine regelmäßige Versorgung des Lagers mit Geld, Kleidung oder Lebens- mitteln gab es nicht. Die Männer versuchten deshalb auf diese Weise ihre Familien über die Runden zu bringen. Manchmal, so erzählten sie, würden sie auch umsonst nach Afrin fahren und hätten dann nur Geld für den Bus ausgegeben, ohne etwas zu verdienen. Oft würden sie aber irgendwo auf einer der vielen Baustellen etwas finden.

Die Frauen hatten teilweise schreckliche Kriegserfahrungen mit sexualisierter Gewalt hinter sich. Aber auch einige der Männer wirkten psychisch sehr geknickt. Fast niemand hier sah irgendeine Perspektive. Geld für Schlepper nach Europa hatte niemand. So saßen die 30 Familien in diesem Zeltlager fest, froh, dem Krieg entkommen zu sein, aber ohne Hoffnung, in absehbarer Zeit wieder ein wirklich menschenwürdiges Leben führen zu können. Internationale Hilfsorganisationen gab es hier nicht, und die kurdischen Behörden waren mit den Tausenden intern Vertriebenen sichtlich überfordert. Trotzdem wurden ZivilistInnen zumindest nicht abgewiesen.

Am nächsten Tag sah ich einige der Männer tatsächlich in Afrin am Rand des Hauptplatzes stehen, mit anderen arabischen Männern darauf wartend, dass sie irgendjemand benötigen würde.

Afrin war für sie und Tausende andere eine prekäre Zuflucht. Der Krieg war nie weit, und man lebte von der Hand im Mund. Immerhin war man hier vor Gewalt sicher und konnte überleben und den Kindern wenigstens eine rudimentäre Schulbildung zukommen lassen. Das war schon mehr als in vielen anderen Teilen Syriens. Viele der intern Vertriebenen, die in Afrin zwischen 2012 und 2018 Zuflucht gefunden haben, machen sich nun wieder auf den Weg, gemeinsam mit den kurdischen BewohnerInnen Afrins, die nun auch zu Vertriebenen werden.

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Die Stadt Afrin ist am 18. März 2018 in die Hände der türkischen Armee und ihrer islamistischen Verbündeten gefallen. Die ZivilistInnen wurden großteils aus der Stadt evakuiert. Kurdische Einheiten konnten sich danach nur noch in ländlichen Rückzugsgebieten im zentralen Hügelland des Kantons und im äußersten Südosten auf dem Hochplateau des Gabal Sim’ān (Kurdisch: Çiyayê Lêlûn) halten. Während die KämpferInnen im zentralen Hügelland überwiegend in den Untergrund gegangen sind, um sich auf einen Guerillakampf vorzubereiten, werden die letzten – überwiegend êzîdîschen (jesidischen, Anm.) – Dörfer auf dem Çiyayê Lêlûn um Fatirtin, Bircilqasê und Meyasê weiter von der YPG (der Kurdenmiliz , Anm.) gehalten, genauso wie ein Großteil des 2016 eroberten Gebietes um Tal Rifaat.

Im Fall der Stadt Afrin sieht man den entscheidenden Unterschied zwischen linker und rechter Gewalt. Die YPG hat sich offenbar entschieden, das Leben der ZivilistInnen zu achten und die Stadt nicht bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Sie konnte die Stadt nicht halten und hat am Ende nicht, wie der IS in Raqqa oder in Mosul, bis zur völligen Vernichtung gekämpft. Wir können sicher irgendwann auch über die politischen und militärischen Fehler von YPG und PYD diskutieren, mit der Entscheidung, am Ende kein heroisches, aber sinnloses Untergangsszenario zu riskieren, haben sie das getan, was in ihrer Macht stand, um das Leben der ZivilistInnen zu schützen. Ich finde, dass dies Respekt verdient. Nun ist es die internationale Gemeinschaft, welche die Verantwortung für die ZivilistInnen aus Afrin hat!