Es ist ein bisschen so, wie wenn man plötzlich den Duft einer längst vergessenen Freundin in der Nase spürt. Da ist das angedeutete Lächeln, da sind die großen dunklen Augen. Darunter der schmächtige Oberkörper und die Hand mit der Füllfeder, die auf dem Tagebuch ruht. Bilder, die Anne Frank am Schreibtisch zeigen, gehören zur kollektiven Erinnerung der Nachkriegswelt.

Auf das Déjà-vu setzt auch ein Comic: Auf 150 Seiten erwachen die Bewohner des Amsterdamer Hinterhauses, die Anne einst in ihren Tagebucheinträgen beschrieb, zum Leben. Die brave ältere Schwester Margot mit der großen Brille, der verehrte Vater "Pim" Otto Frank, der in allen Lagen die Ruhe behält, Frau van Daan – stets im Pelzfummel und immer auf ihren Vorteil bedacht – und Peter, der Junge vom Dachboden, den Anne erst als Weichei ignoriert und irgendwann doch küsst. Anne träumt davon, schöne Kleider zu tragen, und fürchtet sich vor den Bomben, die nachts auf die Stadt fallen.

Der Comic folgt dabei unmittelbar den ursprünglichen Einträgen des Tagebuchs. Während zweier Jahre schrieb Anne ihre Alltagserlebnisse, aber auch ihre Sehnsüchte und Sorgen nieder. Der letzte Eintrag stammt vom 1. August 1944. Wie das Original endet hier auch der Comic.

Am 4. August 1944 wurden Anne und die sieben anderen Versteckten entdeckt und von einem SS-Mann und dessen holländischen Häschern verhaftet. Sie gelangten in ein Durchgangslager und wurden im Herbst 1944 mit dem letzten Transport nach Auschwitz deportiert. Annes Mutter Edith starb dort an Hunger und Entkräftung. Anne und ihre Schwester Margot wurden ins Konzentrationslager Bergen-Belsen geschafft.

Das Tagebuch hatte Anne in ihrem Versteck zurückgelassen. Miep Gies, eine der Helferinnen der Untergetauchten, nahm es nach der Verhaftung an sich – in der Hoffnung, es Anne eines Tages zurückgeben zu können. Dazu kam es nie. Bis auf den Vater Otto Frank fanden alle Bewohner des Hinterhauses in den Lagern den Tod. Anne und ihre Schwester Margot starben im Februar 1945 in Bergen-Belsen an Typhus und Erschöpfung.

Anne Franks Aufzeichnungen überdauerten ebenso wie die Figur, zu der sie wurde. Generationen von Schulkindern und Jugendlichen sind mit den Hoffnungen und Nöten des Mädchens im Amsterdamer Hinterhaus groß geworden. Ihr Tagebuch wurde weltberühmt. Bereits 1947 wurde es in einer von Otto Frank überarbeiteten Fassung erstmals veröffentlicht. In den 1950er Jahren war es in der Bundesrepublik das meistverkaufte Taschenbuch. Bis heute wurde es in rund 70 Sprachen übersetzt, weltweit auf die Bühne gebracht, gezeichnet und verfilmt. Es gibt Anne Frank als Hörspiel und sogar als Quiz.

Und mittlerweile also auch als Comic. Der Grund: Bei der jüngeren Generation schwindet das Wissen über den Holocaust und seine Opfer. Das liegt auch daran, dass die Ereignisse 70 Jahre zurückliegen und viele Zeitzeugen bereits gestorben sind. Die Frage nach der Erinnerung an die Schoah stellt sich mit einer gewissen Dringlichkeit.

Die Idee zum Projekt stammt vom Schweizer Publizisten Yves Kugelmann, seit acht Jahren im Stiftungsrat des Anne Frank Fonds mit Sitz in Basel. Dort kümmert er sich um die Verbreitung des Tagebuchs, die Rechte und Lizenzen. Dafür ist er viel unterwegs, in Amsterdam, Tel Aviv und New York. Wie alle in der Stiftung engagiert er sich ehrenamtlich, neben seiner Arbeit als Herausgeber und Chefredakteur von so ziemlich allen jüdischen Zeitschriften in der Schweiz. Geht es um Anne Frank, dann antwortet er fast rund um die Uhr. Was ihn antreibt: "Alle kennen das Gesicht von Anne Frank, aber selten die Geschichte dahinter. Anne wurde trivialisiert."

Der Fonds ist damit in die Fußstapfen von Annes Vater Otto Frank getreten. Frank war nach dem Krieg mit seiner zweiten Frau, auch sie eine Überlebende des Holocaust, nach Basel gezogen. Dort lebte bereits ein Teil seiner Familie. 1963 rief er den Anne Frank Fonds ins Leben und kümmerte sich bis zu seinem Tod 1980 um die Verbreitung des Tagebuchs seiner ermordeten Tochter. Frank machte die Stiftung zur Universalerbin.

Kugelmann, Jahrgang 1971 und damit 42 Jahre nach Anne geboren, wuchs unmittelbar neben dem Möbelantiquariat von Otto Franks Schwester auf. Als junger Journalist lernte er ihren Sohn und Annes Cousin, Buddy Elias, kennen. Die beiden wurden Freunde.

Was Kugelmann auszeichnet: Falsche Kompromisse mag er nicht. In der jüdischen Community eckt er immer wieder an. Vielen gilt er als zu liberal, zu unabhängig und zu selbstkritisch. Etwa, wenn er über die Regierung Israels oder die jüdische Opferrolle schreibt. Seine Kommentare sind messerscharf; mit Prozessen wegen Ehr- und Persönlichkeitsverletzung kennt er sich aus. Verloren hat er noch keinen.