Schön gerade draußen, nicht? Vielleicht haben Sie sogar noch Osterferien. Oder einfach so ein bisschen frei. Vielleicht sogar ein paar Minuten Zeit für ein kleines Experiment. Ganz ohne Google-Brille. Setzen Sie sich einfach. Am besten auf den Balkon. Oder in den Garten. Kommen Sie mit nach Leipzig. In den Park. Und spulen Sie in Gedanken ein paar Wochen vor. Im Juni halten Sie an. Jetzt sind wir da.

Picknickkörbe, laue Luft, Abendrot im Rosental-Park. Kirschen, Mückenspray, Oliven. Pärchen, Cidre, Melone. Sommerkleider. Taschenmesser, ausgelassenes Lachen, Bratwurstgrillgeruch. Porsche-VIPs und A-B-C-Prominenz. Rotwein. Ein vom Zoo her wehender Hauch von Elefant, Tiger und Co. Nackte Füße. Professoren, die Sachbearbeiterinnen über zwei Decken hinweg Korkenzieher reichen. Applaus, Spotlights, Ergriffenheit. Das Gewandhausorchester auf der Parkbühne.

Nicht schlecht, oder? Ja, manchmal habe ich diese Stadt noch richtig gern. Samt ihrer Leipziger. Die sich auch in diesem Jahr pünktlich und unbeirrt zum Feiern der Schönheit der Musik, des Sommers, des Lebens einstellen werden.

Leider muss ich mir dieses Gefühl in letzter Zeit immer öfter – wie aus einem Riechfläschchen heraus – in Erinnerung bringen. Es braucht diese Dosis im Alltag, im Wahnsinn der Großstadt, im Gemenge der Pöbeleien im öffentlichen Nahverkehr, inmitten der Mittelfinger-Erigierten auf den Straßen und des Geschreis und der Rumrotzerei in Hauptbahnhofsnähe. An Plätzen, die Realität gewordenes Reality-TV geworden zu sein scheinen, da verlässt mich ein bisschen der Glaube an diese Stadt. Zeichen von schleichender Verwahrlosung sind immer unschön. Ich weiß, die gibt es auch in Ihrer Heimatstadt.

Um vieles schmerzhafter aber empfinde ich es, wachsende Verwahrlosung im Inneren der Menschen wahrzunehmen. Vor allem bei jenen, die es doch ganz gut getroffen haben, die Behütungs-, Bildungs- und Bargeldhintergrund haben und trotzdem öffentlich immer unverhohlener einer Besorgnis "um Deutschland" Ausdruck verleihen, die mir etwas anderes zu sein scheint: eine nur noch spärlich getarnte, merklich abnehmende emotionale Reichweite. Es gibt diese Menschen in meiner Stadt. Sie gehen täglich ehrenwerten Berufen nach, und auch sie werden sich im Frühsommer im Leipziger Rosental an der Musik und dem Ambiente erfreuen.

Die noch immer Wellen schlagende "Erklärung 2018", die anfangs Intellektuelle wie Uwe Tellkamp, Vera Lengsfeld und Thilo Sarrazin unterzeichneten, hat bekanntlich bereits recht üppiges Unterschriftenfleisch auf den Knochen. Der Volkskörper legt zu.

Eigentlich hatte ich sie mir etwas länger vorgestellt, diese umstrittene Erklärung. Länger und – vor allem – einfallsreicher. Irgendwie argumentativ unterfütterter.

Ja, ich bin ein bisschen enttäuscht. Dass Publizisten, politisch Agierende, Meinungsmacher dergestalt ihre "Sorge um Deutschland" ins Land tragen. Dass sie infrage stellen, ob und nicht wie wir helfen sollen. Wem dieses Deutschland wichtiger erscheint als der Mitmensch, der ist weit weg – vor allem vom viel beschworenen bedrohten Christentum, dessen Kern doch aber noch immer die Nächstenliebe ist.

Auch wenn sich die Unterzeichner der Erklärung vordergründig harmlos mit allen friedlichen Demonstranten in Cottbus und Dresden solidarisieren und sich für die Wiederherstellung rechtsstaatlicher Zustände einzusetzen scheinen, was immer das auch heißen mag, muss doch zweierlei verwundern: Ist nicht einigen der besagten Demonstranten Rechtsstaatlichkeit bekanntlich sehr fern? Und wo und wie genau nimmt man die angeprangerte "illegale Masseneinwanderung" in Deutschland eigentlich wahr?

Um des Menschseins willen

Ist es nicht eher eine allgemeine Unsicherheit angesichts sich ankündigender Veränderungen als eine veritable Angst, die viele umtreibt?

Die Antwort der Intellektuellen unseres Landes im Jahr 2018 kann sich doch nicht aus Abschottung, Abschottung und Abschottung zusammensetzen! Denn das wäre die tatsächlich simple Quintessenz der "Erklärung 2018".

Wenn schon einfach, warum das Einfache nicht mit einem freundlichen Anstrich versehen? Und stoisch daran erinnern, dass der Mensch im Normalfall eine Nase und zwei Ohren hat und dass er gerne vier Wände sein Eigen nennen will. Dass er Kinder in die Welt setzt, die er im Normalfall sehr lieb hat, und dass er nicht gerne an Schaltern und vor Zäunen ansteht. Dass er sich gern ein Tier oder mehrere hält und umsorgt. Dass er gern an Sommerabenden in Olivenhainen sitzt oder am Meer. Dass er Wein und Weichheit liebt und manchmal Sorgen hat. Dass er Schönheit und Kunst um sich haben will und dabei unter Umständen sogar sanft zu werden droht.

Dass er Phasen hat, in denen er zum Tanz geht, Bäume ausreißen möchte und es sogar fast vermag oder siech im Spital liegt. Dass er sich nicht aussucht, ob er geboren wird – auch nicht wie, wann und wo. Dass er mit viel Glück zum Frohsinn neigt, egal was das Schicksal ihm vorgebucht hat. Und er vielleicht sogar mit anderen fühlen kann. Dass er so unbedeutend wie alle seiner Spezies ist und dass er auf Erden ein Gast ist.

Und ihm unterm Strich NICHTS gehört. NICHTS.

Das nun wäre meine simple Erklärung 2018. Dieser kann man sich meinetwegen gerne auch anschließen. Bitte jenseits jeglichen Publizisten- und Intellektuellentums. Einfach so. Um des Menschseins willen.