Sie spricht wie ein Arzt. Egal ob sie über das Bergsteigen, ihre Velo-Sammlung, das Leben im Wallis oder ihre Abneigung gegen Hausarbeit spricht. Sie tut es pointiert, meinungsstark und auch mal ungefragt. Relativierungen reicht sie Tage später nach.

Bloß: Natalie Urwyler ist kein Arzt, kein Mann, sie ist eine Frau, eine Ärztin. Und das wurde ihr zum Verhängnis.

Vor bald vier Jahren hat sie ihren langjährigen Arbeitgeber, das Berner Inselspital, wegen missbräuchlicher Kündigung eingeklagt. Im vergangenen November entschied ein Berner Regionalgericht, dass die Kündigung vom 17. Juni 2014 widerrechtlich ist und darum rückgängig gemacht, die Anästhesistin wieder eingestellt und ihr Lohn nachträglich bezahlt werden muss.

Ob es dabei bleibt, ist offen. Vor Ostern wurde bekannt, dass das Inselspital das Urteil nicht akzeptiert. Der Fall Urwyler kommt vor das Obergericht.

Von der Oberärztin zur Pionierin im Kampf gegen Diskriminierung

Und Natalie Urwyler ist drauf und dran, die bekannteste Ärztin der Schweiz zu werden, eine Pionierin im Kampf gegen Diskriminierung von Frauen an Spitälern.

Zwei Wochen zuvor, Mitte März, sitzt Natalie Urwyler in ihrem Lieblingslokal in der Altstadt von Brig. Sie hat nicht viel, aber ein bisschen Hoffnung, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber das Urteil akzeptiert. Dass ihr Kampf endlich vorüber ist. Ihr Kampf, der sie so viel gekostet hat, den sie aber "sofort" wieder ausfechten würde. "Nicht für mich, sondern für meine Tochter", sagt Urwyler und wendet sich dem kleinen Mädchen im roten Röckchen zu, das neben ihr am Tisch sitzt, Erdbeerglacé schleckt und auf den Papa wartet, der es bald abholt. Für sie mache sie das alles. Müsse sie. Damit für das Mädchen wahr werde, woran seine Mutter so lange geglaubt habe: "Wenn ich genügend hart arbeite, bekomme ich alles, was auch ein Mann bekommen kann."

"Mathe und Physik für ein Mädchen? Kommt nicht infrage." Das hörte Urwyler oft

Natalie Urwyler kam 1973 in Ins, einem Bauerndorf im Berner Seeland, zur Welt. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Hausarzt. Ein Berufener, der Ende letzten Jahres mit 78 seine Praxis schloss. "Als Doktor sitzt man in der Praxis und wartet, bis die Patienten kommen", habe er manchmal gesagt. Rund um die Uhr sei er für seine Patienten da gewesen. So musste die Tochter, wenn sie ihren Vater sehen wollten, rüber zu ihm, ins Behandlungszimmer. Und lernte von ihm, was ein guter Arzt ist: "Du hast zwei Hände, zwei Augen und ein Stethoskop. Der Rest ist Chichi."

Ebenso prägend war ihre Mutter. Sie habe ihr auf den Weg gegeben, "dass ein Mann nicht als Lebensversicherung taugt. Und dass ich gut beraten bin, auf eigenen Beinen zu stehen." Das war revolutionär im Berner Seeland in den siebziger Jahren, als man noch darüber diskutiert habe, ob es wirklich notwendig sei, dass ein Mädchen eine Ausbildung mache, wo es später doch sowieso Hausfrau werde.

Auch Urwylers Talente passten nicht in die Welt, in der sie aufwuchs. Statt zu stricken, zog es sie zur Technik, zu Maschinen, zur Mathematik. "Meine Schulzeit lang wurde ich für die Dinge abgewertet, die ich gut kann. Das hat mich geprägt." Als sie ans Gymnasium wechseln und die naturwissenschaftliche Richtung einschlagen wollte, sagten die Lehrer: "Mathe und Physik für ein Mädchen? Kommt nicht infrage." Urwyler tat es trotzdem. Wie ein roter Faden zieht es sich durch ihr bisheriges Leben: Egal ob die Sekundarschule, das Gymnasium, das Medizinstudium, den Facharzttitel bis hin zur Klage gegen das Inselspital. Stets ist jemand da, der sagt: Du schaffst das nicht!

Sie aber tat, wovon man ihr abriet – und reüssierte.

Nach dem Medizinstudium trat Urwyler eine Stelle an der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie am Berner Inselspital an. "Als ich meinen Vorgesetzten sagte, dass ich mich habilitieren wollte, war die erste Reaktion: Willst du denn kein Kind?" Sie machte weiter, erhielt ein Forschungsstipendium des Nationalfonds und zog für anderthalb Jahre an die renommierte Stanford-Universität nach Kalifornien. Zurück in Bern, schloss Oberärztin Urwyler ihre Habilitation ab. "Vieles, auch in der Medizin, ist eine Frage des Fleißes. Man muss auf dem Hintern sitzen, lernen und das Ding durchziehen. Das kann eine Frau oder ein Mann, ein Schwarzer oder ein Weißer. Fertig, Schluss."