Eva kann sehr ungeduldig werden. "Mach doch bitte Platz für mich, ich kann den Bauch nicht einziehen", sagt sie und versucht vorwärts zu kommen. Die Menschen, von denen sie umzingelt wird, schauen verblüfft. Welchen Bauch? Der Roboter Eva, der seit ein paar Wochen durchs Bonner Haus der Geschichte führt, hat keinen Bauch. Aber er hätte einiges zu erzählen, wenn er einfach so drauflosquatschen könnte und nicht nur die Worte zur Verfügung hätte, die man ihm einprogrammiert hat. Dass sich Mensch und Roboter selten verstehen, wäre dann wahrscheinlich Evas Lieblingsthema.

Als das Bonner Haus der Geschichte im vergangenen Winter wieder eröffnet wurde, lobte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den "allerneuesten technischen Stand". Audioguide war gestern – in Bonn gibt jetzt ein Roboter Erklärungen und Antworten. In der Abteilung Künstliche Intelligenz, am Ende der Ausstellung, steht Eva für eine neue Evolutionsstufe und ersetzt zugleich einen Museumspädagogen. "Hallo, Eva ist mein Name", sagt sie auf Aufforderung der Besucher. "Ich kann dir Spannendes zu einer Paketdrohne, einem Stahlträger aus dem World Trade Center und zu einem Flüchtlingsboot erzählen."

Ein Mann reicht Eva die Hand, den Fotoapparat über die Schulter gehängt. "Guten Tag", sagt er. Eva fährt wortlos an ihm vorbei. Sie hat keine Hand, die sie ihm reichen könnte. Lediglich das warme Schnauben ihrer Kühlung bekommt der Besucher zu spüren. Mal blinkt sie grün, mal blau, ansonsten verhält sie sich unauffällig.

"Hast du was gesagt? Bitte wiederhole, was du gesagt hast."
Roboter Eva

Mit dem Zeitalter der Roboter hat sich der Mensch selbst zum Schöpfer gemacht. Für die einen klingt das nach Paradies, für die anderen nach Dystopie. Die Vorstellung, Roboter könnten dem Menschen bald überlegen sein, gewinnt durch Eva aber nicht an Überzeugungskraft. Der Roboter wiegt 120 Kilo, misst knapp 1,60 Meter, kann auf maximal 3,5 Kilometer pro Stunde beschleunigen – und ist damit in etwa so schnell wie ein Maulwurf. Auf viele Fragen weiß Eva keine Antwort. "Wo bin ich hier?", wollen die Besucher wissen und erwarten eine halbwegs originelle bis wahrhaftige Antwort, wie sie sie von Sprachassistenten wie Siri oder Alexa kennen. Aber die kommt von Eva nicht. "Wie spät ist es?" – "Eva, wie geht es dir heute?", fragen sie. "Hast du was gesagt? Bitte wiederhole, was du gesagt hast", sagt Eva. Doch auch beim zweiten Mal beantwortet sie die Frage nicht.

An Servicerobotern wie Eva forscht das Münchner Fraunhofer Institut seit den neunziger Jahren. Eva ist ein Care-O-bot, Modellnummer 4. Ihr Bruder Paul ist derzeit in mehreren Technikmärkten im Einsatz, fragt die Kunden, was sie suchen, und führt sie zum richtigen Regal. Serviceroboter sollen Teil des Alltags werden. Als ferngesteuerte Haushaltshilfen könnten sie bald das Frühstück servieren und die Post reinholen. Modellnummer 4 soll besonders sympathisch sein – Eva sieht fast schon knuffig aus. Auf dem weißen Körper steckt ein Display-Kopf mit zwei großen, grünen Augen. Mit ihnen kann Eva ihre "Stimmung" ausdrücken. Und das macht sie ziemlich oft. Immer dann, wenn sie die Antwort nicht weiß, zieht sie ihre Augen zusammen, so als würde sie ihr Unvermögen tatsächlich bedauern.

Bei Ben, Jahrgang 2008, und Eva, Jahrgang 2017, scheitert die Mensch-Roboter-Beziehung schon am Größenunterschied. Ben geht Eva nur bis zur Brust. Also hebt Opa ihn auf Augenhöhe. "Zeig mir das Flüchtlingsboot", spricht Ben langsam in das Mikrofon, das bei Eva so etwas wie das Kinn ist. "Hast du was gesagt? Bitte wiederhole, was du gesagt hast", sagt Eva im typischen Roboter-Tonfall. "Flücht-lingsboooot", sagt Ben noch einmal. "Oje – so wird das leider nichts, tut mir leid", sagt Eva. Ben schnaubt, und Evas Kühlung schnaubt zurück. "Noch nicht ganz ausgereift", sagt der Opa.

"Fortschritt macht arbeitslos."
Der "Spiegel", Ende der siebziger Jahre

Als Bens Großeltern selbst Kinder waren, machten Deutsche noch "Gesellschaftsreisen" an die Adria, das Eis am Stiel kostete 20 Pfennig, als Teenager saßen sie auf gepolsterten Barhockern, tranken Cinzano Bianco und hörten Schuld war nur der Bossa Nova aus der Jukebox. So jedenfalls stellt das Bonner Haus der Geschichte die Wirtschaftswunderzeit dar. "Meine Mutter hat der Konsum überfordert", erinnert sich Bens Opa Kurt Schlesiger, der nach Kriegsende geboren wurde. Als Bens Großeltern erwachsen wurden, war die Angst vor der Übermacht der Technik schon da. "Fortschritt macht arbeitslos", titelte der Spiegel Ende der siebziger Jahre, als Drucker um ihre Jobs bangten. Der Streik der Drucker ist längst Geschichte, und das Spiegel-Cover nun Teil der Ausstellung.