In Aristoteles’ Poetik kommt der Roman nicht vor, deswegen fehlen ihm Definition und Nobilitierung. Der Roman darf also machen, was er will! Das formuliert man in Deutschland immer als Vorwurf, nie als Kompliment. Absolute Freiheit ist unheimlich, schlimmer noch, sie ist unschicklich. Wer weiß, was diesen Romanfiguren alles einfällt? Ein Hauch dieser Gesinnung hatte noch meine Kindheit angeweht; Bücherschränke wurden abgeschlossen. Man sorgte sich, ich könnte das falsche Buch zur Hand nehmen und lesend verblöden!

Um diesen Skandal in der Kunst einzudämmen, haben sich umsichtige und rechtschaffene Menschen aufgemacht, für die deutsche Jugendliteratur Grenzwerte zu formulieren. Frei nach dem Motto: Was nicht geschrieben wird, kann später auch niemanden verunsichern! Diese Leitfäden haben etwas von Verbotslisten und lesen sich in etwa so: Texte für junge Leser überzeugen mit einem nicht besonders komplexen Erzählstil; mit einem Vokabular, das jungen Lesern keine Mühe bereiten sollte; mit einer klar verständlichen Geschichte, die dennoch Raum für Vermutungen und Interpretationen lässt.

Die deutsche Jugendliteratur hängt am Gängelband der Erziehung, sie wird hin- und hergerissen vom kurzen Arm schreckhafter Bürger, die Maßstäbe aus der rosaroten Puppenstube anlegen. Anders gesagt: Wir Autoren haben nicht nur Feinde. Wir haben leider auch noch Freunde! Sie lesen unsere Bücher. Sie schreiben Kommentare und Kritiken, verlegen unsere Texte. Bücherschränke werden nicht mehr abgeschlossen, Eltern vertrauen dem Buchhandel.

Das beginnt schon bei der nur scheinbar sinnvollen Einteilung in Altersstufen. Die Erfahrung lehrt uns zwar, dass dieses Lesen nach Zahlen nicht funktioniert; wie sonst sollte man erklären, dass bei der Einschulung Fünfjährige neben Neunjährigen sitzen? Weil Produkte aber kalkulier- und sortierbar sein müssen, wird das trotzdem durchgezogen. Es zahlt sich ja auch aus. Bilder- und Kinderbücher fahren Gewinne ein, allerdings werden hier die Leser schlicht übergangen. Die Eltern bezahlen, also bestimmen sie auch. Den Spielraum, sich und ihre Kinder mit Literatur zu fordern, nutzen aber nur wenige. Überglücklich, dass die Bagage überhaupt liest, kauft man den Bestsellerlisten hinterher: Gregsche Witzigkeit, Band 38, und Grüffelos oder Elmars in allen Farben und Größen, wenn möglich auch noch als Poster, Postkarte und Plüschtier.

Der Markt für Jugendliteratur hingegen bricht weg. Gerüchteweise planen Verlagshäuser auszusteigen, man wolle sich auf Kinder- und Bilderbücher konzentrieren. Ich glaube das allzu gerne. Die Jugend schert sich wenig um die Wunschvorstellungen von Erwachsenen! Zu meiner Zeit lasen wir Simmel und Konsalik und stürzten uns gierig auf Tolkien. Der galt übrigens als schlechte Literatur, frei nach der Formel Elben + Orks = Rassismus!

Die Generation danach entdeckte Stephen King, und ich war neidisch! In Es wird Realität verhandelt; die radikalen Ansprüche junger Menschen, ihr Misstrauen gegenüber Wertung und Ordnung, vor allem ihre Hoffnung auf Abseitiges wird erfüllt und Gesellschaft schonungslos bloßgestellt. Das Ganze ist fantastisch geschrieben, zudem garstig und absolut unpädagogisch! Anscheinend lesen Jugendliche (und auch Kinder) Romane, die machen, was sie wollen ...

Wen wundert’s? Kinder und Jugendliche verfügen über eine quecksilbrige Wachheit, die alles sieht, alles hört, auch und vor allem registriert, was andere mitkriegen. Sie denken schneller, als sie verstehen, erfassen jede Regung, spüren jede noch so kleine Erschütterung beim anderen. Dass hierbei der Maßstab verrutscht, jede Mücke zum Elefanten wird, Zusammenhänge, Logik, Gerechtigkeit auf der Strecke bleiben, gehört freilich dazu und schadet niemandem. Es bringt Leben in die Familien und Klassenzimmer.

Finden sie etwas von der eigenen Verunsicherung, Wut und Leidenschaft in einem Buch wieder, dann lesen sie auch heute noch die dicksten Schwarten! Klar ist da einiges an Schund und Trash darunter. Na und? So lernen Kinder gleich noch den Unterschied zwischen routinierter Abschreibe und eigenständiger Kunst kennen. Etwas, das den Buchhandel wenig interessiert.