Alinas vier Füße sehen aus wie große Suppenteller. Sie sitzen am Ende schwarzer Beine aus Kohlefaser, deren Stoßdämpfer den Ruck abfedern müssen, wenn das mannshohe Gefährt aufsetzt. Alina wirkt wie das überdimensionierte anatomische Modell eines Insekts: die ausklappbaren Stelzenbeine, die runden Treibstofftanks, die Nutzlast-Halterungen. Aus Alinas Unterseite, einer gold-schwarzen Leichtbau-Wabenplatte, ragen kleine Düsen hervor. Alles ist Funktion, nur spärlich verkleidet. Unterhalb schräger Solarpanels sind zwei große Behältnisse befestigt, wie vertikale Kofferräume.

Wenn Alina ihr Ziel erreicht hat, wenn der feine Staub um sie herum sich gelegt hat, dann werden sich die beiden Abdeckungen unterhalb der Solarpanels öffnen, nach unten klappen und zu Rampen werden für zwei weiße Gefährte aus Alinas Innerem: Mondmobile.

So soll es aussehen, wenn im Sommer kommenden Jahres, fünf Jahrzehnte nach den ersten Schritten eines Menschen im Mondstaub (als die Bild-Zeitung titelte: "Der Mond ist jetzt ein Ami"), erstmals ein privates Raumschiff auf einem anderen Himmelskörper landet.

Dies ist keine Geschichte vom Prestigekampf zweier Supermächte, es geht diesmal nicht um den Plan einer ehrgeizigen Nation, als Erste irgendwo zu sein, neues Revier zu markieren. Es geht noch nicht einmal um ein neues Ziel. Sondern um das neue Interesse, das der alte, graue Brocken Mond bei Forschern und Unternehmern, bei Raumfahrtbehörden und, ja, Werbetreibenden weckt. Und diese Geschichte spielt auch in Deutschland, denn Alina ist eine Berlinerin. Sie steht auf dem blanken Estrichboden einer Halle weit im Osten der Stadt. Neben ihr erstreckt sich ein schwimmbadgroßes Sandbecken, in dem die Räder für die beiden Rover getestet werden. Mondfahrt made in Marzahn.

Vor fast zehn Jahren haben ein paar technikbegeisterte Studenten nebenbei mit der Planung einer Mondmission begonnen (folgerichtig gaben sie sich den Namen Part-Time Scientists, der mittlerweile zu PTScientists geschrumpft ist). Sie lockte der frisch ausgelobte Google Lunar X-Prize, der 20 Millionen Dollar als Prämie für die Ersten versprach, denen es gelingen sollte, ein Fahrzeug auf dem Mond abzusetzen, dort mindestens 500 Meter zurückzulegen und hochauflösende Bilder zur Erde zu funken. Wichtiger als der Hauptpreis, so sollte sich herausstellen, waren aber die Etappenziele: Mehrere Teams aus aller Welt erhielten Prämien im Hunderttausender-Bereich, auch die PTScientists für ihren Rover Asimov und ihre Landefähre Alina. Als im Februar der Wettbewerb nach mehreren Fristverlängerungen ohne Finalisten zu Ende ging, da dachten die Berliner längst über den X-Prize hinaus. Im Jahr 2015 hatten sie einen heimischen Industriepartner gewonnen und ihren Rover entsprechend umgetauft; er heißt seitdem Audi Lunar Quattro, auf seiner Front prangt jetzt das Logo mit den vier Ringen. Im Folgejahr gewann Audi beim Werbefestival von Cannes einen Bronzenen Löwen für den Mondmarketing-Coup. Seit 2017 ist Vodafone mit an Bord, spendierte Alina einen kräftigen Schuss roter Farbe und sich selbst Eigenwerbung mit Weltall-Pathos ("Mission to the moon – Network for all mankind"). Und Regisseur Ridley Scott hat sich das Mobil aus Marzahn für den jüngsten Teil seiner Alien -Filmreihe ausgeliehen.

Dass eine Mondmission womöglich auch ohne Flug ein gutes Geschäft sein kann, zu einer Aussage dieser Art lässt sich Robert Böhme, Gründer und Geschäftsführer der PTScientists, auch auf Nachfrage nicht festlegen. Aber er sagt: "Technologiemäßig hat es sich sehr gelohnt, auch wenn wir im ersten Versuch scheitern." Lieber spricht er über die Landestelle von Apollo 17, das Ziel des ersten Alina-Fluges. Über die Spektralbereiche der Kameras in den Köpfen der Rover und darüber, dass diese imstande seien, die Materialermüdung einer ganz speziellen historischen Hinterlassenschaft zu ermitteln. "Wir interessieren uns für den Zustand des Apollo-17-Rovers. Plastikschalen, Ledergurte, Duct-Tape, Nylon, Polyester – das hat für dreieinhalb Tage gut gehalten. Aber wie sieht das Material nach Jahrzehnten auf dem Mond aus?"

Dauerparker seit 1972: Das Elektroauto der Apollo-17-Astronauten soll im Sommer 2019 von zwei Robotern untersucht werden. © NASA / Rex Features / action press

Man kann nicht lange über die Möglichkeit einer solchen Reise sprechen, auch nicht über eine rein robotische, ohne auf den Referenzpunkt Apollo zurückzukommen, selbst in Deutschland nicht.