Für die Oster-Ausgabe von Christ&Welt habe ich über meinen Aufenthalt im französischen Kloster Sainte-Madeleine du Barroux Tagebuch geführt. Unter der Überschrift Auf Reisen ins Innere schilderte ich, wie ich in der Abgeschiedenheit einer benediktinischen Abtei versuchte, meinen Glauben zu überprüfen und Gott, wenn schon nicht leibhaftig zu begegnen, dann immerhin zu spüren. Es handelt sich um einen sehr persönlichen, ja intimen Text, der sich ausschließlich mit meiner Gottsuche und meinem Innenleben in einer für mich ungewohnten Umgebung befasst.

Nun hat sich ein Vertreter des Religionsphilosophischen Salons in Berlin zu Wort gemeldet. Gott finden im Kloster der Rechtsradikalen von Le Barroux lautet der Beitrag auf der Internetseite des Salons, in dem man mir und meinem Text heftige Vorwürfe macht: Mein Text sei eine "theologische Verführung", heißt es da. Er zeige, "welch ein ästhetischer religiöser Genuss entstehen" könne in einer Abtei, die als "Zentrum rechtsextremen Denkens" gelte. Schließlich sei bekannt, dass der Abteigründer Dom Calvet (gestorben 2008) islamfeindlich gewesen sei, eine Verbindung zu Jean-Marie Le Pen, dem Gründer des Front National, sowie den schismatischen Traditionalisten um den 1988 exkommunizierten Erzbischof Lefebvre unterhalten habe. Der aktuelle Abt – übrigens aus "altem französischem Adel stammend" – führe diese Tradition fort, man müsse nur seine Ansprache anlässlich der Bestattung des französischen Nationalisten Jean Madiran (gestorben 2013) lesen, und auch die 54 Mönche wählten "aller Wahrscheinlichkeit nach" den Front National. Diese Zusammenhänge habe der Autor, also ich, entweder bewusst verschwiegen oder naiverweise nicht zur Kenntnis genommen, skandalös sei beides. Kurzum: Dieses Kloster sei ideal als "Pilgerort für fromme AfD-Anhänger und Pegida-Seelen".

Obwohl ich die Kritik in weiten Teilen als suggestiv empfinde – der Vatikan und die von Lefebvre gegründete Piusbruderschaft nähern sich seit Jahren an, Wahlen laufen auch in Frankreich geheim ab, wie also soll bekannt sein, wie sich die 54 Mönche an der Wahlurne entscheiden? –, kann ich die Irritation immerhin nachvollziehen, ja mehr noch, sie hat mich zum Nachdenken und Widersprechen inspiriert: "Liturgisch reaktionär und politisch reaktionär verbinden sich gern", schreibt mein Kritiker, und deswegen liege es auf der Hand, dass dieses Kloster vor allem "junge Mönche aus einschlägigen rechtslastigen Kreisen" anspreche, weil "kein Andersdenkender es in so einem Milieu aushalte".

Nun gibt es anscheinend jemanden, der es doch aushält: mich. Und deswegen empfinde ich diese Behauptung als Angriff und Unterstellung. Wie aber kann es sein, dass ich politisch liberal und liturgisch konservativ bin? Wie ist es möglich, dass ich den alten römischen Ritus, die radikale Strenge dieser Abtei, ja vielleicht sogar ihre reaktionäre und weltabgewandte Aura als wohltuendes Geschenk empfinde und gleichzeitig in einem urbanen, kosmopolitischen, liberalen Milieu verortet bin und ganz sicher nichts gegen Muslime, nichts gegen Schwule, nichts gegen Migranten, nichts gegen Minderheiten, sondern, wenn überhaupt, etwas gegen Menschen habe, die ihre Toleranz wie eine Monstranz vor sich hertragen, aber in Wahrheit indifferent oder ahnungslos sind, die alles gut und richtig und gültig heißen, wo Toleranz doch eigentlich heißt, dass man etwas richtig und etwas anderes als nicht richtig empfindet, also eine Haltung hat und eine andere als Möglichkeit und Perspektive akzeptiert? "Toleranz kann überhaupt nur Bedeutung haben, wenn etwas gilt, das etwas anderes gelten lassen könnte. Wenn alles gleich gut und gleich gültig, also gleichgültig ist, erübrigt sich Toleranz", hat der muslimische Intellektuelle Navid Kermani geschrieben, übrigens einer der besten Freunde des erzkatholischen Schriftstellers Martin Mosebach, den mein Kritiker ebenfalls scharf attackiert.

Wie also bin ich in diesem angeblich so fragwürdigen Kloster gelandet?

Ein Freund hat es mir empfohlen. Er sei vor Jahren dort gewesen, ein besonderer, ein heiliger Ort, "mit großartiger Liturgie". Ich habe mir die Website des Klosters angesehen, im Netz recherchiert und mit Leuten gesprochen, erfuhr, dass Joseph Ratzinger 1995 in Barroux das feierliche Konventamt im alten Ritus gefeiert hat; ja, der Joseph Ratzinger, der zehn Jahre später zum Papst gewählt wurde und sich immer wieder begeistert über die Abtei geäußert hat. Natürlich war ich mir im Klaren darüber, dass ein streng kontemplatives Kloster, in dem der alte Ritus und der gregorianische Choral wie Schätze bewahrt werden, keine Reformer, Anhänger der Ökumene und Gelegenheitschristen anzieht. Auch, dass sich unter den anderen Gästen ideologisch verblendete, ja vielleicht sogar rechtskonservative Fundamentalisten befinden könnten. Aber die können auch in einer Wagner-Oper neben mir sitzen, und verzichte ich deswegen auf den "Ring" oder den "Parsifal"? In Wahrheit traf ich in Barroux neben einigen Petrusbrüdern auch einen freigeistigen Eremiten und mehrere liebenswerte, hochinteressante und weltoffene Theologie- und Lateinstudenten aus Holland, den USA und Deutschland.

Ich gebe zu, ich habe nicht in Archiven recherchiert, welche Trauerrede der Abt vor fünf Jahren gehalten hat und mit wem der Klostergründer vor mehr als zehn Jahren befreundet war. Angebliche Verbindungen des französischen Benediktinerordens zu rechtsextremen Kreisen waren mir nicht bekannt. Wie auch? Ich bin kein Theologe, sondern ein gläubiger Christ, der gelegentlich in die Messe und alle paar Jahre zur Beichte geht und ansonsten mit Zweifeln, Hoffen und den Niederungen des Alltags beschäftigt ist. Ich habe mir dieses Kloster ausgesucht, weil ich geglaubt habe, dort eine radikal spirituelle Gegenwelt zum betriebsam prosaischen Alltag zu finden, einen Ort, ideal zum Beten und Nachdenken. Welcher Partei die Mönche bei der letzten Präsidentschaftswahl ihre Stimme gegeben haben, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ob ich mir für meine Exerzitien dieses Kloster auch ausgesucht hätte, wären mir die angeblichen Verbindungen ins rechte Milieu bekannt gewesen, ist eine hypothetische Frage, die ich nicht beantworten kann.