DIE ZEIT: Herr Druyen, Sie haben in einer Studie untersucht, wie veränderungsbereit die Deutschen sind. Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Thomas Druyen: Die Deutschen haben, das zeigt die Studie, ein herausragendes Beharrungsvermögen, sind extrem belastbar, was Widrigkeiten betrifft, und haben eine überdurchschnittliche Anpassungsfähigkeit. 89 Prozent der Befragten lassen sich auch durch Widerstände nicht vom Weg abbringen. Und 85 Prozent sagen, sie seien "zufrieden mit ihrem Leben".

ZEIT: Dann haben sich die Deutschen ja wieder genau die Kanzlerin gewählt, die zu ihnen passt.

Druyen: In der Tat – aber genau dadurch entsteht ein gewaltiges Problem.

ZEIT: Wieso?

Druyen: Um uns herum finden radikale Veränderungen statt, die auch Orientierungslosigkeit und Stress erzeugen. Denken Sie nur an Trump und Putin, an das Klima oder die Digitalisierung. Aber die dominierenden Reaktionen auf all diese Umbrüche sind: Abwarten, Adaption und Verdrängung. Auch die neue große Koalition und der Koalitionsvertrag bedienen eine enorme Sicherheitsorientierung.

ZEIT: Kann man den Deutschen denn ernsthaft übel nehmen, dass sie an dem Leben in ihrem Land festhalten, mit dem sie ganz überwiegend zufrieden sind?

Druyen: Nein, kann man nicht, aber man darf fragen, ob diese Zufriedenheit und die damit verbundene Trägheit den disruptiven Prozessen um uns herum gerecht werden.

ZEIT: Trägheit? Haben die Deutschen nicht in den letzten Jahren und Jahrzehnten bewiesen, dass sie hervorragend mit zum Teil dramatischen Veränderungsprozessen umgehen können? Stichworte wären: die deutsche Einheit, die Euro- und die Flüchtlingskrise. Und bei alledem ist Deutschland noch Exportweltmeister. Das gelingt doch nicht durch träges Abwarten?

Druyen: Die Deutschen sind Weltmeister in der Resilienz, keiner kann Krisen so gut bewältigen wie wir. Man kann uns mit allem heimsuchen, wir können uns darauf einstellen. Insofern sind wir veränderungsfähig. Aber – und hier liegt ein ganz großer Unterschied und auch das Problem: Wir sind nicht veränderungsbereit. Wir sind Reaktionsweltmeister, aber wir sind völlig leidenschaftslos, wenn es um Prävention geht, um Antizipation, um Vorwegnahme kommender Herausforderungen.

ZEIT: Bei all dem Stress um uns herum ist es doch nur natürlich, dass nicht ganz so viel Kraft für die Vorwegnahme von Problemen bleibt?

Druyen: Vollkommen nachvollziehbar, aber danach wird nicht mehr gefragt werden, wenn vor allem im Kontext der Digitalisierung, der künstlichen Intelligenz, der Algorithmen Herausforderungen auf uns zukommen, neben denen die Euro- und die Flüchtlingskrise verblassen dürften. Das Tempo der Veränderungen wird erstmals in der Menschheitsgeschichte nicht mehr von gewählten Politikern, von Königen, Kaisern oder von Diktatoren bestimmt, sondern von der technischen Entwicklung. Anders gesagt: Ja, wir sind Exportweltmeister, aber auf dem Feld der neuen Technologien, die in Zukunft alles steuern werden, spielen wir eher in der Bezirksliga. Und der neue Koalitionsvertrag gibt keinerlei Signale, dass wir aufsteigen wollen.

ZEIT: Woran liegt das?

Druyen: Zunächst einmal ist das schlicht menschlich. Kontinuität ist aus Sicht der Biologie und aus Sicht unseres Gehirns etwas Wunderbares, weil sie uns nicht unter Druck setzt. Aber es gibt belastbare Kontinuitäten und solche, die gefährlich werden können. Nehmen wir, aus aktuellem Anlass: das Auto. Bis vor zehn Jahren gab es da eigentlich nur drei Fragen: Wie teuer soll es sein? Wie leistungsstark? Welche Farbe? Heute weiß ich nicht, ob ich morgen mit meinem Auto überhaupt noch in die Stadt fahren kann, wir wissen nicht, in welcher Form das Auto überhaupt fortbestehen wird, ob es überhaupt noch von mir gefahren wird. Ich weiß nicht mal, ob es sinnvoll ist, ein Elektroauto zu kaufen, weil ich nicht weiß, ob es überhaupt genug Tankstellen gibt oder Carsharing nicht die bessere Lösung ist. Es gibt diese "Horizonte der Verlässlichkeit", die über Jahrhunderte unser Verhalten bestimmt haben, nicht mehr, die etwas sehr Beruhigendes hatten. Und deshalb ist Kontinuität oftmals eine Reise in die völlig falsche Richtung.