Ein Mann schleicht durch den Supermarkt. Die Auswahl der Lebensmittel: eine Unverschämtheit. Die kleine Schrift auf den Konserven: unlesbar. Der Einkaufswagen: selbst unbeladen unerhört schwer. Und als der Mann, zurück im Ferienhaus, seine Nerven beruhigen will, stampft die Putzfrau die Treppe hoch.

Es ist halt auch ein Elend, das Leben als solches, denn Tony Parson ist schon 73 und erholt sich mehr schlecht als recht von einer Operation. Ganz besonders elend ist das Leben aber, wenn einem wie Tony die Ehre zuteil wird, von dem britischen Autor David Szalay als eine von neun Hauptfiguren für den Roman Was ein Mann ist gecastet worden zu sein.

Tony Parson ist gleich doppelt zu bedauern. Er hat sich seine Homosexualität nie eingestanden, stattdessen eine Frau geheiratet und mit ihr ein Kind großgezogen und hat nun das bittere Gefühl, sein Leben irgendwie verpasst zu haben. Außerdem hat er das Pech, in diesem Roman die Nummer neun, also der letzte Mann im Buch zu sein. Zusätzlich zu seinem Kreuz hat er noch einige schwere Motivketten mit sich zu schleppen. Szalay verpasst Tony eine Vergangenheit als Beamter, der an der EU-Osterweiterung mitgearbeitet hat, und auf seinem Nachttisch liegt passend zum Thema Christopher Clarks Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Einziger Lichtblick im trüben Dezember: der schmucke Sohn der Putzfrau. Tony hat sich ein wenig verguckt. Aber leider darf zwischen den beiden nichts knospen, denn am Ende dieses Reigens wartet das Requiem, und deshalb ist für Tony nur wehmütiges Im-Sessel-Hocken vorgesehen.

Was für eine tolle, vielversprechende Idee dem Roman Was ein Mann ist von David Szalay zugrunde liegt! Szalay – 1974 als Sohn eines Ungarn in Montreal geboren und in London aufgewachsen – porträtiert in diesem für den Man Booker Prize nominierten Buch neun Männer in unterschiedlichen Lebensphasen. Die Männer entstammen nicht nur unterschiedlichen sozialen Milieus, sondern kommen auch aus unterschiedlichen Ländern. Und sie sind alle durch Europa unterwegs, für den Urlaub von Frankreich nach Zypern, zum Interview von Schweden auf die Balearen oder zur Überführung eines Autos von England nach Polen. Männlichkeit heute, ein Kontinent der offenen Grenzen. Jede dieser Odysseen ist etwa 50 Seiten lang, zusammen ergeben sie ein Kaleidoskop gegenwärtiger Gefühlslagen und sollen außerdem noch das Verstreichen der Zeit spürbar machen. So zusammengefasst, beschleicht einen freilich die Ahnung, dass die Idee doch nicht so berauschend gewesen sein könnte. Denn die "übergreifende Architektur" (David Szalay) verspricht so wahnsinnig viel – handliche Erzähleinheiten, die sich zum Panorama fügen, ein Wimmelbild männlicher Protagonisten, das im Laufe der Lektüre zu einer prototypischen Biografie zusammenschnurrt –, dass die Enttäuschung vorprogrammiert scheint. Wohl nur ein Ausnahmeautor könnte diesen selbst gesteckten Ansprüchen gerecht werden.

Dieser Ausnahmeautor ist David Szalay nicht, und das Buch ist auch nicht ganz gelungen. Aber Szalay ist doch ein souveräner, sogar ein im wörtlichen Sinn blendender Autor, also zumindest ein beeindruckender literarischer Hütchenspieler. Die Streichholzschachteln, die er über 500 Seiten hinweg geschickt verschiebt, tragen die Beschriftungen "Der Mann", "Europa" und "Die Zeit". Und bis zum Schluss ist man geneigt zu glauben, dass sich doch unter einer Schachtel das Kügelchen der Erkenntnis verbirgt. Versuchen wir mal, seinen Zügen zu folgen.

Also: Der Mann. Der jüngste ist 17 Jahre alt, Brite, heißt Simon und gehört zu einem Typus, den man als poetischen Zauderer bezeichnen könnte. Im April reist er als Interrailer mit einem Freund von Polen über Berlin weiter nach Prag. Doch schon nach wenigen Seiten stellt sich die Frage: Wozu ist Simon eigentlich unterwegs, wenn er doch nur genervt ist? Lass es krachen, gib ihm ein lustiges Männerpaar mit klimperndem Gesichtsschmuck in Berlin mit auf den Weg, aber von Abenteuer und Spaß keine Spur. Das Essen in Kreuzberg ist viel schlechter, als es der Reiseführer verspricht, die Unterkunft in Prag riecht verdammt muffelig; und bei allem, was Simon erlebt, hat er ohnehin seine ferne Angebetete im Kopf. Als eine Vermieterin sich ihm mit eindeutigen Absichten nähert, weicht er zurück, während sein Freund die Gelegenheit ergreift – was Simon auch nicht recht ist, denn jetzt hat er das Gefühl, etwas verpasst zu haben.

Ähnlich unmotiviert präsentiert sich der nächste Mann: Bernard aus Frankreich verwartet seine Urlaubstage am Pool einer Billigabsteige, bevor ihm, mehr oder weniger ohne sein Zutun, immerhin ein ungewöhnliches erotisches Abenteuer zuteilwird. Und Nummer drei? Gabor aus Ungarn, auch so ein achselzuckend Erduldender. Als Personenschützer ist er mit einem Gelegenheitszuhälter und dessen zur Prostitution genötigter Freundin nach London gereist. Dort verliebt sich Gabor in sie. Einmal trinken die beiden Kaffee in der Sonne. Das war’s.