Frage: Sie gelten als ein Befürworter der Neugestaltung der Hedwigs-Kathedrale in Berlin, um die der Streit nicht enden will. Was können Sie den Kritikern entgegenhalten?

Wolfgang Thierse: Zunächst, dass sie mit dem populären Argument kommen: Es kostet Geld! Geld, das man doch eigentlich für etwas viel Besseres gebrauchen könnte. Das pekuniäre Argument ist insofern unseriös, weil es sich jederzeit und gegen jede Kulturanstrengung in Stellung bringen lässt. Und das Berliner Feuilleton weiß das nur zu gut.

Frage: Sind solche Summen nach den Krisen und Finanzskandalen in Hamburg, Eichstätt, Freiburg und Limburg noch vertretbar? Und wie soll man das dem Steuerzahler vermitteln?

Thierse: Es handelt sich um ziemlich unterschiedliche Fehlleistungen, aus denen unterschiedliche, aber doch deutliche Konsequenzen in der Kirche zu ziehen sind. Aber sich nicht mehr um Erhalt und Modernisierung von Kirchengebäuden kümmern zu dürfen und dafür also auch Geld ausgeben zu müssen – das wäre keine vernünftige Konsequenz. Die Alternative wäre nämlich, den Staat damit zu belasten, wie etwa in Frankreich, was keine den Steuerzahler überzeugende Lösung sein dürfte.

Frage: Was bleibt den Gegnern des Projektes denn noch, als auf die hohen Kosten zu verweisen, nachdem der Denkmalschutz den Umbau nun billigt?

Thierse: Das macht deren Argumentation nicht stichhaltiger! Es gibt nun mal kein Bauen ohne Risiko und ohne Kosten. Die Entscheidung für den Umbau der Hedwigs-Kathedrale lief jedenfalls absolut korrekt ab. Es gab ein ordnungsgemäßes zweiphasiges Juryverfahren, bei dem ich Mitglied war. Lange und intensiv wurde unter uns debattiert, der jetzige Entwurf mit zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung angenommen. Es folgten die üblichen öffentlichen Diskussionen, die zur Demokratie gehören. Danach haben die kirchlichen Gremien entschieden, der Diözesanrat, der Priesterrat. Bei beiden hat es zuvor noch einmal intensive Beratungen gegeben. Jetzt wird der Entwurf weiter überarbeitet. Man sollte also nicht mit Unterstellungen arbeiten, irgendetwas sei autoritär verfügt oder gemauschelt worden.

Frage: Selbst in hohen katholischen Kreisen war der Stoßseufzer zu vernehmen: "Da hat uns der Kardinal Woelki eine schwierige Erbschaft hinterlassen mit seiner Entscheidung, den Umbau anzugehen. Sein Nachfolger muss es nun ausbaden."

Thierse: Ich bin zwar einigermaßen gut katholisch, aber nicht bischofsfixiert. Ich glaube nicht, dass die Geschmacksentscheidung bestimmter Kleriker maßgeblich war. Es standen ja ohnehin Renovierungsarbeiten in größerem Umfang an. Das darf man nicht vergessen. Ich habe übrigens damals in der Jury daran erinnert, dass ich hier wohl derjenige bin, der am längsten in diese Kirche geht. Ich lebe seit 1964 in Berlin, besuche jetzt also schon 54 Jahre unregelmäßig die Kathedrale. Es ist nicht meine Gemeindekirche, aber als Student der Humboldt-Universität bin ich dort regelmäßig gewesen. Ich werde nie vergessen, dass mich der Raum dieser Kirche immer irritiert hat. Diese eigentümliche Öffnung in der Mitte – man kommt rein, sitzt nicht richtig zum Altar und hat immer diesen breiten Schlund vor sich, der ins Dunkle führt. Deshalb habe ich Verständnis dafür, wenn Zelebranten darüber verstört sind, dass sie vor einer nach unten führenden Treppe stehen müssen und der Gemeinde nicht direkt ins Gesicht schauen können. Ich konnte mich daran jedenfalls nie gewöhnen.

Frage: Diese Öffnung kann man doch auch als Symbol für den barbarischen Abgrund deuten, in den der Nationalsozialismus Deutschland gestürzt hat. Eine offene Wunde, die an den Dompropst Bernhard Lichtenberg erinnert, der von den Nazis ermordet wurde.

Thierse: Die Idee ist ja nachvollziehbar, dass durch eine Öffnung zur Krypta hin die Erinnerung an den dort begrabenen Märtyrer im Gedächtnis bleibt. Das ist durchaus überzeugend. Aber wichtiger ist doch, einen Kirchenraum als Ort der Eucharistiefeier, der Liturgie zu verstehen und unter diesem dominanten Gesichtspunkt zu gestalten!

Frage: Geht nicht beides?

Thierse: Die Kathedrale ist im Laufe ihrer Historie mehrfach umgebaut und den jeweiligen Anforderungen angepasst worden. Es geschieht also jetzt nicht etwas gänzlich Neues. Und die Geschichte ist noch lange nicht an ihrem Ende. Ich halte nichts davon, eine lebendige, sich verändernde Kirche in das Gefängnis ihrer Vergangenheit einsperren zu wollen oder zu sollen.

Frage: Dann müsste doch auch die Turmruine der zerbombten Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche wiedererrichtet werden. Sollen Kirchen nicht die Blessuren der Geschichte zeigen dürfen als Warnung für die Zukunft?

Thierse: Bei der Gedächtniskirche ist nach dem Krieg bewusst entschieden worden, die alte Kirche nicht mehr aufzubauen, sondern die Turmruine zu erhalten, aber einen modernen Kirchenraum danebenzusetzen. So ist sie heute ein Erinnerungszeichen an den Krieg und ein Friedensmahnmal. Das ist die Hedwigs-Kathedrale eben nicht. Sie ist als Bischofskirche die wichtigste katholische Kirche in Berlin, sichtbare Repräsentanz der Katholiken im Zentrum der Hauptstadt.