Höchstes Gebäude, größte Shoppingmall, größter Süßwarenladen, längste Club-DJ-Session: Dubai wird vor allem als Superlativ-Emirat der Welt wahrgenommen. Da übersieht man leicht, dass die Kunst eine immer größere Rolle spielt. Künstler wie Manal al Dowayan aus Saudi-Arabien sind in den vergangenen Jahren an den Golf gezogen, mit ihnen ist das Emirat auf dem Weg, zur Drehscheibe der Kunst in der Region zu werden. Bemerkenswert an diesem Prozess ist, dass er nicht vom Staat angestoßen wurde, sondern von Unternehmern.

Einer von ihnen ist Abdelmonem bin Eisa Alserkal. Ende der 2000er entschied er, dass es sich lohnen könnte, in Kunst zu investieren: Im Industrieviertel Al-Kuos, wo vor zehn Jahren vor allem noch Waschmaschinen verkauft und Autos repariert wurden, dominiert seither die Kunst. Wurde sie anfangs noch aus angerosteten Containern verkauft, steht nun alles voll glitzernder Prestigebauten. Alserkal Avenue heißt die Gegend heute weltmännisch, inzwischen ist sie das größte Galerienviertel im Nahen Osten mit über zwei Dutzend Galerien.

Und Hipster-Zone: vegane Bowls, Flat-White-Kaffee, Totenkopf-Installationen. Der berühmte arabische Graffiti-Künstler eL Seed hat seine Basis hierherverlegt. "Ich fühle mich in Dubai am richtigen Ort, es ist mein natürliches Zentrum, von dem aus ich in die Welt starte", sagt er. Auch der international gefeierte Architekt Rem Koolhaas hat sich in Alserkal schon ein Denkmal gesetzt.

Den Anstoß für diesen Hype gab 2006 der britische Kunsthändler John Martin, als er an den Golf kam. Gemeinsam mit seinem Partner, einem Immobilienmakler, wollte er eine Kunstmesse neuen Stils gründen. "Es ging darum, Kunstmesse und Tourismus kurzzuschließen", sagt er heute. So entstand die Art Dubai. Sie sollte eine Plattform zwischen Europa und Asien sein, in der Einflugschneise der globalen Airlines und ganz in der Nähe vom weltweit größten Flughafen Dubai.

Viele Künstler setzen sich mit den Problemen der Region auseinander

Heute gilt die jährlich stattfindende Art Dubai als eleganteste Kunstmesse der Welt. Sie residiert im Luxushotel Jumeirah Madinat, einem Fünf-Sterne-Palast mit künstlichen Inseln und venezianischen Kanälen. Was oberflächlich klingt, entfaltete eine konträre Schubkraft: Viele Künstler setzen sich mit den Problemen der Region auseinander. Der Saudi Ahmed Mater zum Beispiel stellte in großformatigen, Gursky-ähnlichen Fotos die Entweihung Mekkas durch den Kommerz zur Schau. Die Messe wurde zum Seismografen der politischen und sozialen Wirklichkeit. Aber auch Sinnliches wird gezeigt: Im Westen herrscht das Vorurteil, es gebe in den arabischen Ländern keine erotische Kunst. Die Art Dubai zeigt, dass die arabische Kunst durchaus körperlich sein kann, trotz des Bilderverbots im Islam. "Ich habe viele Akte gemalt", sagt etwa die 73-jährige jordanische Künstlerin Mona Saudi, die auch schon auf der Art Dubai ausstellte.

Die Kunstmesse in Dubai kurbelt eine Produktion an, die gleichzeitig lokal und weltoffen ist: lokal, um sich eine starke Identität zu geben; weltoffen, um sich an den Diskursen des internationalen Kunstbetriebs zu beteiligen. Als Anreiz dient auch der Abraaj-Preis, der höchstdotierte Kunstpreis der Welt. Er wird von einem Immobilienkonsortium gesponsert und an vier Künstler überreicht, die auf der Art Dubai ausstellen dürfen.

Aber Dubai ist nicht das einzige arabische Emirat, das die Kunst entdeckt hat: Seit Kurzem gibt es auch in Abu Dhabi einen Louvre. Das vom Architekten Jean Nouvel spektakulär in Szene gesetzte "Universalmuseum der Menschheit" wurde 2017 eröffnet. Entstanden ist es durch einen Staatsvertrag mit Frankreich, allein die Nennung der Marke Louvre wurde mit einer Milliarde Dollar erkauft. Hier herrscht ein staatstragenderes Geschäftsmodell als im kapitalistischen Dubai. Der Louvre ist auch ein Versuch, gegenüber Dubai aufzutrumpfen. Vielleicht hat Abu Dhabi auch deshalb das teuerste Gemälde der Welt erworben – das Leonardo zugeschriebene Gemälde Salvator mundi, Kaufpreis: 450 Millionen Dollar, obwohl seine Echtheit keineswegs gesichert ist.

Aber Kunst verbindet auch. Die Vereinigten Arabischen Emirate in ihrer Gesamtheit zeigt derzeit die Galerie The Empty Quarter in Dubai. Ausgestellt sind Fotografien des Magnum-Fotografen Bruno Barbey. Das Motiv: Scheich Sajed, der "Vater der Nation", der aus sieben Emiraten einen Bundesstaat formte. Die Galerie befindet sich im internationalen Weltfinanzzentrums DIFC. In Dubai sind Kunst, Geld und Macht eben eng miteinander verwoben.