Wenn Männer einen Kampf austragen müssen, ist Brigitte Annerl zur Stelle. An diesem Dienstag, Mittagszeit, wirft sie sich rasch in die Rolle des Fußballfans, mit Vereinsschal und Stickern auf dem schwarzen Businesskostüm. So wird aus der Pharmaunternehmerin die Präsidentin des TSV Hartberg, die von Wien in die oststeirische Provinz eilt, um ihre elf Männer anzufeuern.

Der männliche Kampf, dem sich Brigitte Annerl als Geschäftsfrau verschrieben hat, findet statt auf dem Rasen allerdings in deutlich intimeren Zonen statt: Annerl, 49 Jahre alt, tiefe Stimme, lautes Lachen, Wortkaskaden voller Verve, will Hilfe bei Fruchtbarkeitsproblemen leisten. Das Nahrungsergänzungsmittel Profertil, das die Wienerin entwickelt hat, verspricht schnellere, bessere und vor allem mehr Spermien.

Von Wien-Ottakring aus beliefert ihr Unternehmen Lenus Pharma bereits 65 Länder mit den grauen Kapseln, in denen Aminosäuren, Mineralstoffe und Vitamine stecken. In diesem Jahr, sagt Annerl, rechne sie mit einer Million verkaufter Therapien – eine Therapie bedeutet zwei Kapseln täglich, mindestens drei Monate lang. Das entspricht dem Zeitraum, den Spermien für ihre Entwicklung brauchen; die 72-Tage-Packung kostet in Apotheken rund 135 Euro.

Dass es nicht immer an der Frau liegt, wenn das Kinderkriegen nicht klappen will, war lange Zeit kein Thema. Doch die Wissenschaft sorgt für ein Umdenken. Laut israelischen Forschern, die 185 Studien ausgewertet haben, ist die Dichte der Spermien von Männern in westlichen Ländern zwischen 1973 und 2011 um mehr als 50 Prozent gesunken, die Zahl der Keimzellen pro Samenerguss gar um fast 60 Prozent.

Dafür sind oft weder medizinische noch genetische Ursachen verantwortlich. Lebensstil, Ernährung, Umweltgifte gelten in Industrieländern als Feinde der Zeugungsfähigkeit. Medikamente oder chirurgische Eingriffe helfen da wenig. Annerls Kapseln sind dementsprechend kein Medizinprodukt, sondern ein sogenanntes Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke.

Lenus Pharma ist zwar nicht der einzige Hersteller, der mit Mikronährstoffen den Spermien auf die Sprünge helfen will. Dass Annerl ihre Firma heute aber "Weltmarktführer in der Behandlung männlicher Unfruchtbarkeit" nennt, liegt nicht zuletzt an ihrem frühen Gespür für ein wachsendes Bedürfnis.

Die Geschichte der österreichischen Fruchtbarkeitspille für den Mann beginnt zur Jahrtausendwende. Annerl hat sich zu dem Zeitpunkt in der Pharmabranche bereits weit nach oben gearbeitet, eine Karriere, die sie "von ganz unten" begonnen habe. "Ich komme nicht aus dem gesegneten familiären Umfeld, wo man auf Unterstützung zurückgreifen hätte können", sagt die selbstbewusste, joviale Unternehmerin, der Tonfall ist völlig unsentimental.

Als 17-Jährige zog Annerl von zu Hause aus, finanzierte sich selbst, machte Matura und begann ein Medizinstudium. "Ich war immer auf mich selbst gestellt. Vielleicht lernt man da auch, mehr herausholen und aufsteigen zu wollen."